188 Problematiſche Naturen.
„Es iſt ein wahrer Scandal.“
„Ich bedaure nur den armen Felix.“
„Das müſſen wir ihm doch erzählen. Weißt Du nicht, wo er iſt?“
„Er ſagte vorhin, das Tanzen langweile ihn; er wollte zu den Spielern gehen. Barnewitz hat, glaube ich, eine Bank aufgelegt. Wir können auch hin; es wird nicht mehr getanzt vor Tiſche. Es iſt gerade noch Zeit, ein paar Lonis zu gewinnen. Kommſt Du mit?“
„Natürlich.“
Emilie von Breeſen hatte die Unterredung der Beiden aus der Ferne beobachtet. Sie ſah, wie ſie lachend, Arm in Arm, den Saal verließen. Auch Oswald ſah ſie nicht mehr. Eine entſetzliche Angſt ergriff ſie. Sie hatte in ihrer eiferfüchtigen Wuth zuerſt Oswald's Namen mit dem Helenen's in Verbindung gebracht; ſie hatte, ſich an Dswald zu rächen, ſchon vor einigen Tagen Felir die Entdeckung, die ſie gemacht zu haben glaubte, mitgetheilt. Sie hatte heute Abend wieder davon angefangen, um den geiſtloſen Neckereien Cloten's ein Ende zu machen. Jetzt erſt merkte ſie, daß ſie zu weit gegangen ſei und daß ſie vielleicht Oswald, den ſie trotz alledem noch mit der ganzen Kraft ihres leidenſchaftlichen Herzens liebte, einer großen Gefahr ausgeſetzt habe. Sie hätte ihn vielleicht in der Raſerei ihrer Eiferſucht mit ihren eigenen Händen morden können— aber ihn den brutalen Mißhandlungen Cloten's und der Anderen ausſetzen— der
Gedanke war ihr fürchterlich. Sie blickte wie hülfeſuchend im Saale
umher.
Ihr Bruder kam in ihre Nähe. Sie rief ihn.
„Was willſt Du, Kleine?“
„Haſt Du Doctor Stein ſchon geſehen?“
„Ja, weshalb?“
„Du wollteſt ihn ja während der Jagdzeit auf ein paar Tage zu uns einladen. Es wäre doch unartig, wenn wir uns jetzt gar nicht um ihn kümmerten.“
Emilie war ſehr roth geworden, als ſie das ſagte; ihre ganze Geiſtesgegenwart ſchien ſie verlaſſen zu haben.


