Dritter Band. 183
„Du träumſt, Bruno; ſie iſt nicht hier geweſen.“
„Auch Tante Berkow nicht?“
„Nein, Bruno.“
„Wie deutlich ich Beide geſehen. Sie kamen Hand in Hand durch die Thür herein; Helene in weiß, mit einem Kranz von dunkel⸗ rotben Roſen im Haar; Tante Berkow in ſchwarz, das Haar, wie ſie es immer trägt. Tante Berkow führte Dir Helene zu, und ihr ſankt euch in die Arme und weintet und küßtet euch; und dann trat Tante Berkow an mein Bett und ſagte: ſo Bruno, nun kannſt Du ſchlafen gehen. Da fielen mir die Augen zu; es wurde Nacht um mich her, ich ſank mit dem Bett tiefer und tiefer und ſchneller und immer ſchneller— darüber bin ich vor Schreck aufgewacht.“
„Fühlſt Du Dich kränker, Bruno?“ fragte Oswald, den dieſe Phantaſien beſorgt machten.
„Im Gegentheil,“ erwiederte Bruno;„der Schlaf hat mir ſehr wohl gethan. Meine Schmerzen ſind bedeutend geringer; aber ich fühle mich ſehr mgtt. Ich glaube, ich könnte ſchlafen.“
Er legte ſein Haupt auf die Seite; aber ſchon nach wenigen Augenblicken fuhr er wieder auf:
„Oswald, willſt Du mir einen recht, recht großen Gefallen thun?“
„Gewiß! was ſoll ich!“
„Bitte, zieh Dich an und geh hinunter in die Geſellſchaft.“
„Um alles in der Welt nicht!“
„Bitte, bitte, thu's! thu's mir zu Liebe. Sieh! ich fühle mich ja jetzt viel beſſer und möchte gern ſchlafen und werde auch ſchlafen. Da kannſt Du mir ja doch nicht helfen.“
„Aber was ſoll ich unten?“
„Sieh, Oswald,“ ſagte Bruno;„ich möchte doch Helene ſo un⸗ beſchreiblich gern ſehen. Und ich kann nicht auf; ich fühle gar keine Kraft in meinen Gliedern. Wenn nun Du ſie ſiehſt, ſo iſt mir, als hätte ich ſie auch geſehen. Bitte, bitte! geh hinunter! Du brauchſt ja mit Niemand zu ſprechen; nur, wenn es möglich iſt, ſage Helenen, ich ließe viel tauſendmal grüßen— und wenn Du das geſagt haſt, und ſie hat vielleicht geantwortet: und grüßen Sie Bruno auch von


