182 Problematiſche Naturen.
„Iſt Helene ſchon vorüber?“ fragte Bruno, ſich in die Höhe ſtemmend.
„Nein, noch nicht.“
„O, daß ich nicht aus dem Bette kann!“ rief Bruno, von der Anſtrengung und dem heftiger gewordenen Schmerz ermattet zurück⸗ ſinkend.
„Da iſt ſie!“
„Doch nicht mit Felix?“
„Nein, mit einem jungen Mann, den ich noch gar nicht geſehen habe.“
„Gleichviel,“ ſagte Bruno;„mit Allen, nur nicht mit Felix.“
„Jetzt ſind die Letzten vorüber;“ ſagte Oswald, ſich wieder zu Bruno an's Bett ſetzend.
Bruno's Unruhe ſchien durch dieſe directe Erwähnung Helenens, die Beide, wie auf Verabredung, ſeit dem Morgen vermieden hatten, erhöht. Er fing wieder an von Helene zu ſprechen. Oswald ſollte ihm erzählen, was ſie angehabt, ob ſie ſchön, ſehr ſchön ausgeſehen habe, viel ſchöner als alle übrigen Damen? ob ſie gelächelt habe, ob ſie einen Blick nach dem Fenſter emporgeworfen?
„O, könnte ich doch nur aufſtehen! könnte ich ſie doch nur noch einmal ſehen!“
„Du wirſt ſie ja bald wieder ſehen, Brunv.“
„Ich weiß es nicht; gerade heute möchte ich ſie nur einmal, nur auf einen Augenblick ſehen. Es iſt mir, als ob ich etwas zu ſagen hätte, was mir das Herz abdrückt. Und dann, wenn ſie den Felix fortſchickt, und ſie wird es thun— ſo ſoll ſie ja wieder in die Pen⸗ ſion zurück, und da kann es lange dauern, bis ich ſie wieder ſehe. Aber ich bleibe auch nicht hier, wenn ſie fort iſt. Komm mit, Oswald, wir wollen nach Hamburg. Du biſt ja ſo klug und geſchickt, Du wirſt ſchon irgend eine Beſchäftigung finden, und ich auch— irgend eine, gleichviel welche, wenn ich nur in ihrer Nähe ſein, ſie nur von Zeit zu Zeit ſehen darf.“
Er verfiel in eine Art von Halbſchlaf, aus dem er plötzlich wieder emporfuhr.
„Warum iſt Helene fortgegangen?“


