Teil eines Werkes 
3. Band, Problematische Naturen : Roman : 3. Band (1866)
Entstehung
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184 Problematiſche Naturen.

mir! dann komme ſchnell, recht ſchnell wieder, daß Du den Ton, in dem ſie es geſagt hat, nicht vergiſſeſt. Und höre, Oswald, da ich gerade daran denke: es könnte ja doch ſein, daß ich einmal plötzlich ſterbe, nein, lache nicht! ich rede im Ernſt dann gieb nicht zu, daß man mich umkleidet; ich will ſo, wie ich geſtorben bin, in den Sarg gelegt werden. Sieh! Du weißt, daß ich ſtets ein Me⸗ daillon auf dem Herzen trage; es iſt von meiner Mutter, aber nicht deshalb allein halte ich es ſo heilig! Es iſt eine Locke von Helenens Haar darin, die ich ihr gleich in der erſten Zeit einmal im Scherz abgeſchnitten habe. Wenn mir das Medaillon genommen würde ich glaube, ich hätte keine Ruhe im Grabe. Und nun, bitte, geh! es wird ſonſt ſo ſpät!

Oswald wußte nicht, was er thun ſollte. Gab er dem Verlan⸗ gen des Knaben nicht nach, ſo mußte er fürchten, deſſen fieberhafte Unruhe, die ſich jetzt faſt gänzlich gelegt zu haben ſchien, wieder hervor⸗ zurufen. Auf der anderen Seite war ihm der Gedanke, ihn, wenn auch nur auf kurze Zeit, zu verlaſſen, ſehr peinlich. Und doch hätte er auch Helenen ſo gern geſehen nur für einen Augenblick mußte ſich doch in dieſen Stunden Alles entſchieden haben.

Bruno machte ſeinen Zweifeln ein Ende.

Du haſt es mir verſprochen! ſagte er traurig,und nun willſt Du nicht, Du haſt mich nicht lieb!

Was ließ ſich dagegen thun? Oöswald ging in das Nebenzim⸗ mer, ſein Schlafgemach, und kleidete ſich um. Er hatte ſich wohl noch nie in einer ſolchen Stimmung zu einer Geſellſchaft angekleidet. Das Ganze erſchien ihm eine ſchauerliche Ironie. Er erſchrak, als er ſein bleiches verwüſtetes Geſicht im Spiegel betrachtete. In dieſen letzten Stunden ſchien er um eben ſo viele Jahre gealtert zu ſein.

Er trat wieder an Bruno's Bett.

Laß Dich doch einmal betrachten, ſagte der Knabe, ſich halb aufrichtend.Wie ſtattlich Du ausſiehſt! wie ſchön! küſſe mich, Oswald!

Oswald nahm den Knaben in ſeine Arme und küßte ihn auf die ſchönen, ſtolzen jetzt ab, ſo bleichen Lippen. Dann ließ er ihn anft auf das Kiſſen gleiten.