Dritter Band. 3⁴
Ernſt deuten, der jetzt häufig auf ſeiner weißen Stirn und in ſeinen hellen blauen Augen lag? wie die Schweigſamkeit, zu der er, der ſonſt keine Minute ſtill ſein konnte, ſich oft auf Stunden verurtheilte? wie vor allen Dingen den raſtloſen Fleiß, mit welchem er jetzt halbe Tage lang über ſein Reißbrett gebeugt ſtand und zeichnete und tuſchte? Allerdings hatte Herr Timm während der kurzen Abweſenheit der Familie nur den harmloſen Freuden eines angenehmen ländlichen Aufenthaltes gelebt bis zu dem Augenblicke, wo er, von einer plötz⸗ lichen Anwandlung von Fleiß ergriffen, in die Regiſtratur ging, die alten Flurkarten zu holen, und bei dieſer Gelegenheit ein kleines, mit einem rothſeidenen Faden zuſammengebundenes Packet Briefe fand, in deren Lectüre er durch das Rollen des Wagens, welcher die Familie Grenwitz ſo unverhofft zurückbrachte, geſtört wurde. Indeſſen, es war ganz gegen Albert's Natur, über ein dolce far niente, dem er ſich längere oder kürzere Zeit hingegeben, Reue zu empfinden; und über⸗ dies arbeitete er ſo ſchnell und gewandt, daß es ihm ein Kleines war, auch größere Verſäumniſſe in ſehr kurzer Zeit nachzuholen. Die Flur⸗ karten alſo, weder die neuen noch die alten, waren es ſicher nicht, über denen er ſich den Kopf zerbrach. Davon würde man ſich über⸗ zeugt haben, wenn man an dem Nachmittage einen Blick in ſein Zim⸗ mer, das er, ſehr gegen ſeine Gewohnheit, hinter ſich abgeſchloſſen, geworfen hätte.
Herr Timm ſaß auf dem kleinen Sopha in ſeiner Stube, ein Bein unterſchlagen, den Kopf in die Hand geſtützt, und aus ſeiner Cigarre mächtige Wolken blaſend, offenbar in tiefes Nachdenken ver⸗ loren. Neben ihm auf dem Sopha lagen die Briefe, die er in dem Repoſitorium der Regiſtratur gefunden. Es waren ihrer nicht viele, alle von derſelben zierlichen Hand auf ziemlich graues Papier ge⸗ ſchrieben, wie man es noch vor einigen Jahrzehnten ganz allgemein ſelbſt zu Briefen benutzte. Die Briefe mußten wohl dieſes Alter haben, denn die Dinte war ganz vergilbt und konnte ſo einigermaßen das Datum erſetzen, das in ſämmtlichen Briefen fehlte.
„Es muß ſich etwas mit dieſen Briefen anfangen laſſen,“ ſagte Albert, leiſe mit ſeinem beſten Freunde und einzigen Vertrauten, ſei⸗ nem eigenen lieben Selbſt, redend,„ich weiß nur nicht gleich was.


