Dritter Band. 29
ich weiß, was es heißt, ein Kleid wenden und wieder wenden, weil man kein Geld hat, ein neues zu kaufen; ich weiß, welchen tauſend⸗ fachen Demüthigungen ein armes Mädchen von Adel ausgeſetzt iſt.“
„Es wird anders und beſſer kommen, als Du denkſt, theuerſte Mama. Ich weiß nicht, iſt es meine Jugend, oder iſt es der ſchöne leuchtende Sommertag— ich kann unſere Lage nicht in dem trüben Lichte ſehen. Ich werde—“
„Mich mit einem reichen und würdigen Mann verheirathen?“
ſagte die Baronin mit einem Lächeln, das ihr ſehr ſonderbar ſtand.
„Aber Mama—“
„Ich weiß es wohl, daß Du etwas Anderes ſagen wollteſt, meine Tochter. Es iſt ein Scherz von mir, aus dem hoffentlich ein recht erfreulicher Ernſt wird. Du ſtehſt in den Jahren, wo es einem iungen Mädchen wohl erlaubt iſt, in Zucht und Ehren einem ſolchen Gedanken in ihrem Herzen Raum zu geben. Wohl ihr, wenn ſie ihre Wahl auf einen Würdigen lenkt, beſſer noch, wenn ſie dieſelbe ihren Eltern überläßt, die nur ihr Glück wollen und durch die reiche Er⸗ fahrung eines langen Lebens in dieſem Bemühen unterſtützt werden.“
„Aber Mama, bis dahin hat's noch lange Zeit.“
„Sehr wahrſcheinlich, mein Kind; indeſſen man kann nicht wiſſen, was der Himmel über Dich beſchloſſen hat. Ihm muß man in dieſen, wie freilich auch in den andern Dingen des Lebens Alles anheim⸗ ſtellen.— Aber, wer iſt nur der Mann, welcher dort ſo lange un⸗ beweglich am Baume ſteht; ich habe meine Lorgnette in meinem Zim⸗ mer gelaſſen.“
„Es iſt Herr Stein, Mama; er ſteht dort ſchon ſeit einer halben Stunde mindeſtens; ich glaube, er iſt feſtgewachſen.“
„Ein wunderlicher Menſch, dieſer Stein;“ ſagte die Baronin. Er hat für mich geradezu etwas Unheimliches. Es iſt ſchlechterdings unmöglich, aus ihm klug zu werden. Wie gefällt er denn Dir, liebe Helene?“
„Aber, Mama, ich habe wirklich noch nicht darüber nachgedacht: und bei ſolchen Leuten kann eigentlich doch von Gefallen oder Miß⸗ fallen kaum die Rede ſein. Ich dächte, ſie wären ſich Alle gleich oder wenigſtens ſind die Unterſchiede ſo gering, daß man ſie nicht wohl


