28 Problematiſche Naturen.
richtet biſt. Du glaubſt, wir ſeien reich, ſehr reich; aber es iſt bei⸗ nahe das Gegentheil der Fall, für uns Frauen wenigſtens. Das ganze große Vermögen fällt nach des Vaters Tode— den der all⸗ mächtige Gott in ſeiner Gnade noch recht lange verhüten möge— an Deinen Bruder. Mir bleibt, außer einer ſehr geringen Wittwen⸗ penſion, nichts— und Du, mein armes Kind, gehſt gänzlich leer aus.“
„Aber, Mama, ich hörte doch immer, daß Stantow und Bärwalde dem Vater gehörten, und daß er darüber ganz frei verfügen könne?“
„Du irrſt, mein Kind; die beiden Güter gehören nicht dem Va⸗ ter. Sie werden ihm vielleicht einſt gehören, wenn ſich der eigentliche Erbe bis zu einer gewiſſen Zeit nicht meldet. Ich kann über dieſen Punkt nicht ausführlich ſein, liebes Kind, weil ich dabei gewiſſe Ver⸗ hältniſſe Deines Onkels Harald berühren müßte, über die man mit einem jungen Mädchen lieber nicht ſpricht. Genug, auf die Güter können wir mit Beſtimmtheit nicht rechnen. Alles, was uns bleibt, ſind einige tauſend Thaler, die Dein Vater und ich bis jetzt von unſerer Rente haben erübrigen können.“
„Liebe Mama, mache Dir meinethalben keine Sorge,“ ſagte Fräulein Helene;„ich bin in Hamburg nicht verwöhnt, und der Luxus, mit dem mich hier Deine Güte umgeben hat, iſt mir etwas ganz Neues. Ich werde auch mit Wenigem zufrieden und glücklich ſein können— und dann, der gute Vater iſt ja jetzt, Gott ſei Dank, wieder ſo munter und rüſtig, hat ſich von dem Fieberanfall in Ham⸗ burg ſo auffallend ſchnell erholt, daß wir uns ſeiner Liebe und Für⸗ ſorge gewiß noch recht lange werden erfreuen können.“ 3
„Das gebe Gott!“ ſagte die Baronin;„aber ich fürchte, wir müſſen uns auf das Schlimmſte gefaßt machen. Der Vater iſt keines⸗ wegs ſo rüſtig, wie Du glaubſt. Er kränkelt fortwährend, obgleich er es uns ſo wenig wie möglich merken läßt. Der Hamburger Arzt
ſchilderte mir des Vaters Zuſtand als ſehr bedenklich. Sollte er uns entriſſen werden, dann würdeſt Du leider Gelegenheit erhalten, die Stichhaltigkeit Deiner Grundſätze zu erproben. Aber, mein Kind, Du kennſt das Leben nicht. Es läßt ſich leicht von Armuth ſprechen, wenn man ſie nur von Hörenſagen kennt. Ich kenne ſie aus Er⸗ fahrung; ich war ein armes Mädchen, als mich Dein Vater heirathete;


