Teil eines Werkes 
3. Band, Problematische Naturen : Roman : 3. Band (1866)
Entstehung
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Dritter Band. 27

eine etwas andere Anſicht von dem Leben, und ſo auch von den Bü⸗ chern und den Menſchen. Aber ich freue mich, daß Du nicht müßig biſt, daß Du das Talent haſt, Dich zweckmäßig zu beſchäftigen. Ich fürchtete ſchon, die Monotonie unſers Lebens hier würde doch gar zu ſehr von dem muntern Treiben in der Penſion abſtechen, und Du würdeſt dieſen Unterſchied ſchmerzlich empfinden. Wir können Dir hier ſo wenig bieten! das war immer mein Refrain, wenn der zute Vater darauf drang, Dich endlich einmal aus der Penſion zu nehmen.“

„Aber ich verſichere Dich, liebe Mama, Du haſt Dir ganz un⸗ nöthige Sorge meinethalben gemacht,“ ſagte Fräulein Helene, die dargebotene Hand der Mutter an die Lippe ziehend;„ich fühle mich hier ſehr glücklich, und wie wäre das auch anders möglich! Bin ich nicht im elterlichen Hauſe, wo mir Alle mit Liebe oder doch mit Freundlichkeit entgegen kommen? habe ich nicht Alles, was ich nur wünſchen kann? Ich wäre wahrlich ſehr, ſehr undankbar, könnte ich das auch nur einen Augenblick vergeſſen.“

„Du biſt ein gutes, verſtändiges Kind,“ ſagte die Baronin, ihre ſchöne Tochter auf die Stirn küſſend,„ich werde noch recht viel Freude an Dir erleben. Das iſt meine ſichere Hoffnung, wie es mein täg⸗

liches Gebet iſt. Ach, meine liebe Tochter, glaube mir, ich bedarf gar

ſehr dieſes Troſtes, wenn ich nicht den vielen Sorgen, die auf mich einſtürmen, unterliegen ſoll.“

Die Baronin hatte ſich auf ein kleines Sopha geſetzt; ſie ſchien ſehr erregt und trocknete ſich mit dem Taſchentuche die naſſen Augen.

„Was haſt Du, liebe Mama?“ ſagte Fräulein Helene mit wirk⸗ licher Theilnahme;„ich bin nur ein einfältiges unerfahrenes Mäd⸗ chen, aber wenn Du Vertrauen zu mir haben kannſt, theile Dich mir mit. Wenn ich Dir auch nicht rathen und helfen kann, ſo vermag ich doch vielleicht Dich zu tröſten, und das würde mir eine unendliche Freude bereiten.“

„Liebes Kind,“ ſagte die Baronin,„Du biſt ſo lange— komm, ſetze Dich her zu mir und laß uns einmal recht vertraulich mit ein⸗ ander reden— Du biſt ſo lange vom elterlichen Hauſe entfernt ge⸗ weſen und warſt noch ſo jung, als Du es verließeſt, daß Du noth⸗ wendigerweiſe von unſern Verhältniſſen ſo gut wie gänzlich ununter⸗

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