26 Problematiſche Naturen.
eigenthümlicher und ſchwer mit einer andern zu verwechſelnder Hand⸗ ſchrift war. Der Brief war an des Barons Verwalter in Cona adreſſirt. Weshalb ſollte der Baron nicht an ſeinen Verwalter ſchreiben dürfen? Aber Oswald erfuhr zugleich durch den Poſtſtempel den Ort, von welchem aus dieſer Brief abgeſandt war; dieſer Ort war derſelbe, wohin man Berger geſchickt hatte, derſelbe, wo Herr von Berkow ſeit ſieben Jahren— und wo Melitta ſeit vierzehn Ta⸗ gen war, das heißt, zwei Tage länger, als die geheimnißvolle Reiſe Oldenburg's gedauert hatte! In dem ausführlichen Briefe Melitta's, den Oswald vor einigen Tagen durch Baumann erhielt, hatte ſie des Barons Anweſenheit mit keinem Worte erwähnt; Baumann ſelbſt aber mußte durch Bemperlein davon unterrichtet geweſen ſein, denn er war in Verlegenheit gerathen, als er die Perſonen nannte, die bei dem Beſuche, welchen Melitta ihrem ſterbenden Gemahl machte, zugegen geweſen waren. Warum dieſes geheimnißvolle Weſen bei einem Manne, der die Geradheit und Offenheit ſelbſt ſchien? war er dazu beauftragt, oder hatte er, der die Verhältniſſe ſeiner Herrin ſo genau kannte, ſeine beſonderen, gewichtigen Gründe, die Wahrheit zu ver⸗ heimlichen?
Dies waren die ſchlimmen Gedanken, die durch Oswald's Hirn zogen, als er im heißen Nachmittagsſonnenſchein barhaupt an dem Brunnen der Rajade ſtand und bewegungslos in das Waſſer ſtarrte, während Fräulein Helene an ihrem Schreibtiſch Betrachtungen dar⸗ über anſtellte, ob ſie ſelbſt vielleicht die Urſache dieſer Verſtimmung ſei.
Ehe ſie indeſſen darüber zu einem Reſultat gekommen war, klopfte es
an ihre Thür. Das junge Mädchen ſchloß ſofort ihre Schreibmappe und ſchien ganz in Lamartine's Voyage en Orient vertieft, als ſich
auf ihr Herein! die Thür öffnete und die Baronin in's Zimmer trat.
„Störe ich Dich, liebe Helene?“
„Durchaus nicht, liebe Mama!“ ſagte das junge Mädchen auf⸗ ſtehend und ihrer Mutter entgegengehend.
„Du bleibſt heut ſo außergewöhnlich lange auf Deinem Zimmer, daß ich doch ſehen wollte, was Dich denn ſo ſehr feſſelte. Lamar⸗ tine's Voyage? nun, ein recht hübſches Buch, aber ein wenig über⸗ ſpannt, wie mir ſcheint. Freilich, in meinen Jahren bekommt man
„


