24 Problematiſche Naturen.
Wenigen war, mit den Profeſſor Berger in einem intimeren Verhält⸗ niſſe ſtand. Der Bekannte, ein Docent an der Univerſität, ſchrieb Oswald, daß er ihm die ſchleunige Nachricht von einem Ereigniſſe ſchuldig zu ſein glaubte, das ſeit geſtern Nachmittag die ganze Stadt in die größte Beſtürzung verſetzt habe. Profeſſor Berger ſei ganz plötzlich, zum wenigſten ohne daß irgend Jemand eine Ahnung von ſeiner Krankheit gehabt habe, wahnſinnig geworden. Er ſei um vier Uhr, wie gewöhnlich, in ſeine Vorleſung über Logik gekommen, habe angefangen zu dociren, ſcharfſinnig, geiſtreich, wie immer. Dann hätte ſeine Rede begonnen, verworren und immer verworrener zu werden, ſo daß ein Student nach dem andern die Feder niedergelegt und den Nachbar voll Verwunderung und Schrecken angeſtarrt habe.„Wiſſen Sie, meine Herren, habe Berger gerufen, was der Jüngling von Sais erblickte, als er den Schleier hob, der das große Geheimniß barg,— das große Geheimniß, welches der Schlüſſel ſein ſollte zu den verworrenen Räthſeln des Lebens? Sehen Sie, meine Herren, hier nehme ich meinen Kopf auseinander, die eine Hälfte in dieſe, die andere in jene Hand— was erblicken Sie in dem Kopfe des berühmten Profeſſor Berger, zu deſſen Füßen Sie ſitzen, ſeinen weiſen Worten zu lauſchen, und ſie mit abſcheulich kritzelnden Federn in Ihre langweiligen Hefte zu ſchreiben? was erblicken Sie?— genau daſſelbe, was der Jüngling von Sais erblickte, als er den Schleier von der Wahrheit hob: Nichts! abſolut gar nichts, nichts für ſich, nichts an ſich, an und für ſich: nichts! und daß dieſes hohle, öde Nichts des Pudels Kern ſei, daß all unſer beſtes Streben nichts ſei, wir unſer Herzblut an nichts und wieder nichts ſetzen, n Sie, meine Herren, das hat den Jüngling von Sais toll gemacht, das hat mich verrückt gemacht, und wird auch Sie um den Verſtand bringen, wenn Sie irgend welchen aus Ihren Spatzenköpfen zu verlieren haben. Und nun, meine Herren, machen Sie Ihre dummen Hefte zu, damit das abſcheuliche Kritzeln endlich einmal aufhört und ſtimmen Sie mit mir in das tiefſinnige und erhebende Lied ein:„O, da ſitzt'ne Flieg'
an der Wand!“ Berger habe darauf mit lauter Stimme, und das
Katheder mit den Fäuſten bearbeitend, angefangen zu ſingen, ſei dann in dem Auditorium an den Wänden entlang gelaufen, nach imaginären


