Dritter Band. 1
Brunnens zu ſtarren, von dem eine hochgeſchürzte Najade lächelnd auf ihn herabſchaut— es iſt ein wunderlicher Heiliger.
Die junge Dame mochte in dieſem Briefe, ihren geheimſten Gedanken mehr enthüllte, als ſie ſelbſt wohl wußte, durchaus der Wahrheit haben die Ehre geben wollen und derſelben auch überall ſo ziemlich nahe gekommen ſein; aber in Hinſicht des
Grundes zu Oswald's zerſtreutem und düſterm Weſen an dieſem leuchtenden Sommertage irrte ſie ſich doch.
der jedenfalls von
Drittes Capitel.
Es war an dem Abend deſſelben Tages, an welchem Helene von ihrem Schreibtiſche aus Oswald am Brunnen der Najade beobachtete, daß in einem Zimmer des Hotels Bellevue in dem Kurort N., be⸗ rühmt durch Doctor Birkenhain's große Heilanſtalt für Geiſteskranke, zwei Perſonen, eine Dame und ein Herr, in der Nähe der geöffneten Balkonthür ſaßen. Es dämmerte bereits; Kurgäſte kamen beſtäubt von ihrer Nachmittags⸗Promenade zurück, von Zeit zu Zeit rollte eine
elegante Kutſche vorüber, in welcher, vornehm in die ſchwellenden Kiſſen gedrückt, ſchön geſchmückte Frauen ſaßen. Dann wurde es ſtiller auf der Straße; drüben über den Gärten ſchimmerte der Abend⸗ ſtern aus dem ſafranfarbenen Himmel. Die Dame in der Thür des Balkons hatte die Augen auf den Stern gerichtet, der Herr, der tiefer im Zimmer ſaß, die ſeinen auf das Antlitz der Dame. Die Bei⸗ den hatten ſeit einer halben Stunde kaum ein Wort geſprochen; jetzt B
ſtand der Herr auf, trat nahe an den Stuhl der Dame heran und † ſagte leiſe:
„Ich will fort, Melitta!“ „Wann kommen Sie morgen wieder?“
„Ich komme morgen nicht wieder; ich will fort von N., heute Abend noch.“
„Aber Sie wollten doch ſo lange hier Fr. Spielhagen's Werke. III.
bleiben, als irgend möglich,—


