——
16 Problematiſche Naturen.
ordentlich unheimlich dabei. Wenn ich auf dem Spaziergange denke, Du könnteſt auch wohl ohne Tuch gehen, ſagt Bruno ſicher: ſoll ich Dir das Tuch ein wenig trägen, Helene? Bei Tiſch, wo er neben mir ſitzt, reicht er mir nur, was ich gern habe, anderes läßt er vor⸗ übergehen und ſagt: das iſſeſt Du doch nicht, Helene! Er iſt ein zu lieber Junge, obgleich eigentlich dieſer Name nicht mehr recht auf ihn paßt, denn er wird nächſtens ſechszehn Jahr, und iſt groß und ſtark und ſchön, wie ein junger Achill. Ich glaube, er würde für mich durch's Feuer gehen; in's Waſſer wenigſtens iſt er geſtern ſchon für mich geſprungen. Wir gingen des Abends auf dem Wall ſpazieren und ein plötzlicher Windſtoß warf meinen runden Strohhut— Du kennſt ihn ja— in den Graben. Mein armer Hut! rief ich.— Willſt Du ihn wieder haben? fregte Bruno.— Ei natürlich, ſagte ich,— aber nur im Scherz, denn ich weiß, daß der Graben ſehr tief iſt und an dieſer Stelle war er noch dazu wohl zwanzig Schritt breit, und der Hut ſchwamm mitten drauf. Aber Bruno war mit zwei Sprüngen den Wall hinab und in's Waſſer hinein. Ich war wirklich erſchrocken und ich glaube, ich ſtieß ſogar einen leichten Schrei aus. Beruhigen Sie ſich, ſagte Herr Stein— außerdem war glücklicher⸗ weiſe Niemand zugegen— Bruno ſchwimmt wie ein Neufundländer, und ſelbſt wenn er nicht wieder herauskäme, ſo iſt er ritterlich im Dienſte der Damen geſtorben. Das iſt immer ein Troſt.— Glück⸗ licherweiſe kam Bruno nach ein oder zwei ängſtlichen Minuten wieder au's Land geſchwommen, und Herr Stein half ihm beim Herausſtei⸗ gen, dann gingen ſie Beide lachend von dannen und ließen mich mit dem naffen Hut in der Hand— ein rührendes Bild— ganz allein ſtehen.— Uebrigens ſcheint mir Herr Stein doch übel genommen zu haben, daß ich ſeinen Liebling in dieſe Gefahr brachte. Wenigſtens iſt er heute Morgen nicht auf der Promenade erſchienen, bei Tiſche ſehr einſilbig geweſen und hat die Literaturſtunde, die er mir wöchent⸗ lich zweimal giebt, abſagen laſſen,„weil er Kopfſchmerz habe“, was ihn freilich, wie ich von meiner Stube aus beobachten kann, nicht hindert, in der glühenden Nachmittagsſonne draußen im Garten mit unbedecktem Haupt eine halbe Stunde lang, die Arme untereinander geſchlagen, auf einem Fleck zu ſtehen und in das Waſſerbecken eines


