Dritter Band. 15
mag wollen oder nicht. Ich wäre dieſen Begegnungen gern über⸗ hoben, aber was läßt ſich thun? Ich kann dem armen Menſchen, der hernach von ſieben bis elf den Knaben Unterricht ertheilt, nicht wohl verbieten, die einzige freie Morgenſtunde, die er hat, zu benutzen, und wenn ich ſelbſt ſpäter ginge, ſo käme ich wieder um den ſchönſten Genuß; alſo: ich muß es mir gefallen laſſen— non son' rose senza spine! Uebrigens iſt dieſer Stein, trotzdem er nur ein böhmiſcher Diamant iſt, ſo fein geſchliffen, daß ihn ein weniger geübtes Auge leicht mit einem echten verwechſeln könnte. Er hat, was man bei Leuten aus den unteren Ständen ſo ſelten findet, viel Haltung und Selbſtbeherrſchung. Er hat eine Weiſe, mit der ruhigſten Miene von der Welt, Jemand, er ſei, wer er ſei, eine Schmeichelei oder eine Malice zu ſagen, die wirklich in Erſtaunen ſetzt.
So ſagte er geſtern, als wir uns zum dritten Male zur ſelben Zeit und an demſelben Orte auf dem Walle begegneten und daſſelbe Geſpräch über das Wetter geführt hatten, ob wir nicht in Zukunft bis eine Veränderung des Wetters einträte, ganz einfach weiter nichts, als:„wie geſtern;“ ſagen wollten? Wir wären denn doch nicht ganz ſtumm an einander vorüber gegangen, was für Hausgenoſſen immer etwas Peinliches habe, und dabei wären doch die Koſten der Con⸗ verſation beinahe bis auf Null reducirt, eine Erſparniß, die ſelbſt für den Geiſtreichſten— hierbei eine halb ironiſche Verbeugung— nicht ganz unbedeutend ſei.— Das war doch ziemlich ſtark; aber wie geſagt, er bringt dergleichen mit ſo ruhigem Lächeln vor, daß man niemals weiß, ob er es im Scherz oder im Ernſt ſagt. Auch ſchei⸗ nen Alle, ſelbſt Mama, einen ziemlichen Reſpect vor ihm zu haben. Zwiſchen Bruno und ihm exiſtirt ein ganz eigenthümliches Verhältniß, gar nicht wie zwiſchen Lehrer und Schüler, ſondern wie zwiſchen zwei Freunden, die innigſt verbrüdert ſind, etwa wie Oreſt und Pylades; und wirklich, es iſt ein reizender Anblick, wenn man ſie Arm in Arm zuſammen durch den Garten ſchlendern ſieht. Dieſe rührende Freund⸗ ſchaft hindert indeſſen Bruno nicht, ſich bei jeder Gelegenheit als mein Ritter zu geriren. Der Junge ſieht mir wahrlich an den Augen ab, was ich will und wünſche; oder vielmehr er ahnt es und weiß es, ohne daß er mich nur anzuſehen brauchte. Es iſt mir manchmal


