14 Problematiſche Naturen.
mir hier unfreundlich begegnet! im Gegentheil, ich muß geſtehen, daß mir die Meinigen über all mein Erwarten liebenswürdig entgegen gekommen ſind. Von meinem Vater hatte ich es freilich nie anders erwartet, aber— Du haſt ja die Briefe meiner Mama geleſen! Du meinteſt ja, ſie glichen ſich wie eine Schneeflocke der anderen— auch ſie iſt viel weniger ſtreng, als ich ſie von früher her kannte und als ſie in ihren Briefen erſcheint Sie läßt mir alle nur möglichen Frei⸗ heiten; ich kann— was wir uns in der Penſion immer als das Höchſte dachten— thun und laſſen, was ich will. Meine Zimmer liegen im Erdgeſchoß des alten Schloſſes, dicht über dem Garten, in welchen aus meinem Salon eine Thür mit ein paar Stufen hinabführt. So lebe ich ganz ungeſtört, obgleich ich mit wenigen Schritten über die Corridore in die Wohnzimmer gelangen kann. Du weißt, ich fürchtete ſchon, hier nicht meiner großen Leidenſchaft, des Abends ſpät, wenn Alles rings um mich her ſtill iſt, zu muſiciren, folgen zu können. So bin ich dieſer Sorge vollkommen überhoben, und ich habe auch ſchon jeden Abend von dieſer Freiheit den ausgedehnteſten Gebrauch gemacht. Ich ſtöre ja Niemand, es müßten denn einige Herten ſein, die ebenfalls in dieſem Theile des Schloſſes irgendwo über mir hauſen, glücklicherweiſe zur Kategorie derer gehören, die man in Eurer aufrichtigen Sprache ſo glücklich mit dem Ausdruck Nobody bezeichnet. Es ſind nämlich der Hauslehrer, ein gewiſſer Herr Stein, und ein Geometer, der für Papa arbeitet, und den ariſtokratiſchen Namen Timm führt. Sie können beide für hübſche Männer gelten, oder, um ganz aufrichtig zu ſein, ich vermuthe faſt, daß Du den Herrn Stein handsome and very gentlemanlike indeed finden würdeſt; aber Du brauchſt deshalb nicht zu glauben, daß ſie, oder einer von ihnen, einen beſonderen Eindruck auf mich gemacht hätten. Ich habe eine Antipathie gegen Leute in dergleichen untergeordneten Stellungen wie etwa gegen Kattunkleider oder böhmiſche Diamanten. Das mag recht gut ſein für Bürgermädchen und Gouvernanten, aber für uns paßt es nicht. Ich ſehe die Herren des Mittags, des Abends— im Uebrigen exiſtiren ſie nicht für mich. Herrn Stein begegne ich außerdem noch jeden Morgen früh im Garten, denn die Vögel ſingen hier ſo dicht unter meinen Fenſtern, daß man aufſtehen muß, man
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