Teil eines Werkes 
3. Band, Problematische Naturen : Roman : 3. Band (1866)
Entstehung
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2 Problematiſche Naturen.

ſah die Baronin alſo nicht das kleinſte Hinderniß der Ausführung ihres Projects. Von Seiten Helene's erwartete ſie eben ſo wenig einen ernſtlichen Widerſtand, oder genauer, hatte ſie bis zu dieſem Augenblick einen ſolchen nicht erwartet. Sie hatte vergeſſen, daß ſie ihre Tochter drei Jahre nicht geſehen, daß drei Jahre viel zu ändern vermögen und unter andern auch aus einem trotzigen, aber doch aus Furcht und Gewohnheit gehorſamen vierzehnjährigen Mädchen eine ſiebenzehnjährige ſtolze junge Dame machen können, die unterdeſſen verlernt hat, vor ihrer Mutter zu zittern, und unter Leitung einer ſtrengen, aber hochherzigen Erzieherin viel zu ſelbſtſtändig geworden iſt, um ihren Willen ſo ohne Weiteres dem eines Andern, er ſei auch, wer er ſei, unterzuordnen.

Dies erkannte die Baronin faſt auf den erſten Blick, als ſie im Empfangsſaale der Penſion ihre Tochter zur Thür hereintreten ſah. An der Tournüre der jungen Dame, die ohne Haſt, aber auch nicht zu langſam, auf die Mutter zuſchritt, ihr die dargebotene Hand küßte und dann einen Schritt zurücktretend, wie weiterer Befehle gewärtig, in ruhiger Haltung ſtehen blieb, war ſicher nichts auszuſetzen; aber die großen Augen blickten ſo ſtolz und gelaſſen, und die Worte fielen ſo gemeſſen von den ausdrucksvollen Lippen, daß die Mutter fühlte, bei dieſer ihrer Tochter, die ihr ſo fremd erſchien, könne ſie an kindlichen Gehorſam, auf einen Gehorſam aus Liebe, mit Sicherheit nicht rechnen. Das große Project, welches ſie ſo ganz fertig im Kopfe trug, erſchien ihr plötzlich in ſehr ungewiſſem Lichte, und die erſten Worte, die ſie nach dieſer Begegnung zu ihrem Gemahl ſprach, waren:Ich glaube, lieber Grenwitz, wir werden in der Heiraths⸗ angelegenheit recht vorſichtig zu Werke gehen müſſen. Du würdeſt mich verpflichten, wenn Du mir die Sache vollkommen überließeſt. Eine ungeſchickte Einleitung, ja nur eine Andeutung zur unrechten Zeit könnte leicht Alles verderben; eine Aufforderung, welcher der gute alte Mann um ſo lieber nachkam, als ſelbſt ſein felſenfeſter Glaube an die Unfehlbarkeit ſeiner Anna⸗Maria nicht im Stande geweſen war,

die Bedenken, welche er gegen das Heirathsproject hatte, gänzlich zu beſeitigen. Die Baronin ſah ein, daß im Falle Couſin Felix vor Helene's