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10 Problematiſche Naturen.
ein Ereigniß hatte genannt werden müſſen? weshalb hatte Herr Timm jetzt zum erſten Male ſeinen Frack aus der Ecke des melancholiſchen Koffers hervorgeſucht und mit dem Frack, wie es ſchien, eine etwas weniger nachläſſige Haltung und eine etwas weniger burſchikoſe Sprache? weshalb klang der Ton vvn Mademoiſelle Marguerite's Stimme jetzt etwas weniger ſcharf, wie ſonſt? und weshalb hatte ſie ſich gerade jetzt darauf beſonnen, daß ſie ein paar recht hübſche ſeidene Schleifen beſitze, die ſchon ſeit Jahren in ihrer Commode müßig gelegen hatten? weshalb gab ſich ſelbſt jetzt Malte beim Reifenfpiel Mühe, die Spiel⸗
regeln zu beobachten und den ihm zugeſchleuderten Reifen womöglich
aufzufangen?
Ob Fräulein Helene wußte, daß ſie die Urſache aller dieſer großen und kleinen Veränderungen war? Es war ſehr ſchwer, zu ſagen, ob Fräulein Helene etwas bemerkt hatte oder nicht; ja, ob ſie ſich über etwas freute oder nicht, ob ſie heiter war oder nicht; ob Jemand in der Geſellſchaft für ſie vorhanden war oder nicht. Ihre ſtolze ruhige Miene veränderte ſich ſehr ſelten, und das Lächeln, zu dem ſie ſich gelegentlich herabließ, war, obgleich außerordentlich reizend, voch ſo flüchtig, daß man nicht wohl den Antheil, den ihr Herz etwa dabei hatte, beſtimmen konnte. Sie war gegen ihre Eltern ganz die gehorſame, aufmerkſame Tochter, gegen ihren Bruder die ältere Schweſter, die, wenn ſie die Schwächen des Bruders ſchonen ſoll, auch ihrerſeits reſpectirt zu werden wünſcht; gegen Mademoiſelle Margue⸗ rite ganz die freundliche Herrin, die ſich in jedem Augenblicke des Unterſchiedes der Stellung bewußt bleibt; gegen Oswald und Albert ganz die vornehme junge Dame, welche von der Penſion her noch ſehr gut weiß, wie tief die Verbeugung vor Herren in niedrigeren Lebensſtellungen ſein muß, und nur für Bruno ſchien ſie eine herz⸗ lichere Zuneigung zu haben, nur ihm gegenüber ließ ſie ein wenig von der ruhig vornehmen Haltung nach, die ſie im Uebrigen ſo wenig ablegen zu können ſchien, wie die dunkle Farbe ihres reichen Haares, oder den tiefen Glanz ihrer großen grauſchwarzen Augen.
Aber wenn ſelbſt die Baronin ſich gegen ihren Gemahl über Helene's faſt allzu ſchroffes Weſen beklagte, wenn ſie die Bemerkung machte, die lange Abweſenheit ſcheine denn doch Helene ihrer Familie


