Zweiter Band. 179
Geheimnißvolle hehre Macht des Schönen! Als unſer Heiland biſt Du uns geſandt. Du ſollſt uns wieder mit uns ſelbſt verſöhnen, Die wir zu ſtürmiſch durch die Welt gerannt; Und wie mit ſeiner Harfe gold'nen Tönen, Iſai's Sohn des Saulns Weh gebannt,
So wird aus Deinen liebetiefen Angen
Manch' düſtrer Blick ſich Licht und Hoffnung ſaugen.
Aus Deinen holden Augen! wo ſie ſtrahlen In ihrer dunklen, märchenhaften Pracht, Da ſind vergeſſen alle Erdenqualen, Da wird es hell in tiefſter Leidensnacht, Wo ſie erglänzen, wird in kummerfahlen, Geſenkten Stirnen Leben neu entfacht— In müden Pilgern, die in allen Landen Die blaue Blume ſuchten und nicht fanden.
D Blume, Mädchen! nie leg ab die Krone, Die jetzt auf Deinem jungen Hanpte ruht, Gieb nimmer Raum dem frevelhaften Hohne,
Daß, was ſo engelſchön, nicht engelgut! 8 Wie heute ſtets, in heil'ger Unſchuld, wohne, 1 In aller guten Geiſter treuer Hut,
Auf daß getroſt in trüber Erdenferne Verirrte Wand'rer folgen Deinem Sterne..
Oswald trat wieder an's Fenſter; der Mond und der Stern waren von einer ſchweren Wetterwolke bedeckt, die hinter ihnen her über den Wall heraufgezogen war; der Geſang war verſtummt, lauter rauſchte der Nachtwind in den Bäumen...
Er ſchloß das Fenſter und ſuchte ſein Lager auf. Es umfing ihn ein ſchwerer Schlaf, durch den beängſtigende Träume zogen. Bald befand er ſich in Feuersgefahr, bald ſollte er von wilden Thieren zerriſſen werden, bald überfiel ihn jene Angſt, deren unſägliches Grauſen nicht von dieſer Welt zu ſtammen ſcheint; aber ſtets, in dem Augenblicke der höchſten Noth, trat ihm ein Engel zur Seite, und ſtreckte ſchützend ſeine Hand über ihn, und dieſer Engel trug die
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