Teil eines Werkes 
2. Band, Problematische Naturen : 2. Band (1866)
Entstehung
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Problematiſche Naturen.

Fünßehntes Capitel.

Als Oswald am nächſten Morgen unter den Papieren auf ſeinem Schreibtiſch kramte, fiel ihm ein Briefchen in die Hände, das er geſtern Abend überſehen hatte. Er erkannte ſogleich die Handſchrift, welche mit ihren bald kühnen und großartigen, bald kritzlich verwor⸗ renen Zügen ſo problematiſch war, wie der Charakter des Schreibers. Das Billet war von Oldenburg und lautete:

So eben erhalte ich eine Nachricht, die mich nöthigt, ſofort eine größere Reiſe anzutreten, von der ich nicht zu beſtimmen vermag, wie lange ſie dauern wird. Unter acht Tagen ſchwerlich. Ich ſchreibe dieſen Brief, um ihn auf Grenwitz abzugeben, im Falle ich Sie nicht perſönlich ſprechen ſollte, was mir ſehr leid thun würde, da ich Ihnen Vieles zu ſagen hätte. Unſere Czika nehme ich mit, da mir die So⸗ litüde während meiner Abweſenheit kein ſicherer Aufenthalt für das Kind ſcheint. Bis zu dem Termin, den uns die Zigeunerin geſtellt hat, bin ich jedenfalls zurück. Bis dahin leben Sie wohl!

In großer Eile und noch größerer Freundſchaft 8

OHswald fühlte ſich durch dieſen Brief eigenthümlich berührt, denn er ahnte mit jener Divinationsgabe, die in Herzensangelegen⸗ heiten eine ſo große Rolle ſpielt, irgend einen Zuſammenhang zwiſchen dieſer plötzlichen Abreiſe Oldenburg's und der Abreiſe Melitta's. War es, daß er in der letzten Zeit wiederum ſo viel über das Ver⸗ hältniß der Beiden, das ihm durch Melitta's in der Mitte abge⸗ brochene Erzählung in einem ganz neuen Lichte erſchienen und doch noch lange nicht hinreichend aufgehellt war, nachgedacht hatte; war es nur der Umſtand, daß der Brief Oldenburg's ſo dunkel gehalten war— genug, Oswald empfand es als eine Art Beleidigung, daß er nach dieſer Seite hin fort und fort auf Räthſel ſtieß. Er nahm ſich vor, noch heute nach Berkow hinüberzugehen und beim alten Baumann anzufragen, ob ein Brief Melitta's für ihn da ſei.