Teil eines Werkes 
2. Band, Problematische Naturen : 2. Band (1866)
Entstehung
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178 Problematiſche Naturen.

erſt leiſe, leiſe als fürchte man die Nacht aus dem Schlafe zu wecken, dann ganz allmälig lauter. Die Accorde floſſen zuſammen zu der Melodie eines Liedes, und bald begann eine weiche Alt⸗ ſtimme das Lied zu der Melodie zu ſingen.. Oswald konnte die Worte nicht vernehmen, aber ſie ſchienen ſanft und traurig zu ſein, wie die Melodie, deren einfache rührende Klage wunderbar zum Herzen ſprach..

Dieſe Muſik zu dieſer Stunde würde Oswald entzückt haben, auch wenn er nicht hätte ahnen können, wer die Sängerin war. Jetzt aber, wo er wußte, daß es Niemand ſein konnte, als das ſchöne Mädchen, vor dem ſich heute Abend, wie vor einer überirdiſchen Er⸗ ſcheinung, ſeine Seele anbetend geneigt hatte, bei deſſen Anblick es über ihn gekommen war, wie die Offenbarung einer höheren Welt klangen die tiefſten Saiten ſeines Herzens mit, und wie der Gläubige, was in ihm wogt und drängt, in ein Gebet zu gießen verſucht, ſo fühlte Oswald den Drang, in Worten auszuſprechen, was ſeine Seele ſo mächtig erregte. Er erhob ſich wie trunken aus dem Sitz am Fenſter; er ſchritt an den Tiſch und ſchrieb kaum wiſſend, was er ſchrieb:

Nie, ſeit der wunderbaren heil'gen Stunde, Die Milton's hoher Genins beſang, Als von des erſten Menſchen reinem Munde Das erſte ſüße Wort der Liebe klang, Und alle Vöglein ſangen's in der Runde, Und jedes Blümlein aus der Knospe ſprang Nie iſt ein Weib auf Erden je erſchienen, Dem, ſo wie Dir, die Engel ſichtbar dienen.

O, Du biſt lieb! lieb, wie der Gott der Träume, Der uns Vergeſſenheit der Schmerzen bringt, So hold, wie Mondſchein, der durch Blüthenbäume In unſer lauſchig dunkles Zimmer dringt Süß, wie Dein Sang, der durch die ſtillen Ränme In tiefer Nacht zu mir herüberklingt

Du biſt ſo ſchön, daß man wie ſie Dich nannte,

ve Für die der Krieg um Troja einſt entbrannte.