Teil eines Werkes 
2. Band, Problematische Naturen : 2. Band (1866)
Entstehung
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1 Zweiter Band. 177

getrocknet, aber auch auf der ganzen Reiſe kaum einmal wieder ge⸗ lächelt habe. Denn ſie ſei ſehr ſtolz, aber auch ſehr, ſehr gut gegen Alle, die ſie lieb habe, zum Beiſpiel gegen ihren Vater, und auch gegen ihn(Bruno), obgleich er durchaus nicht behaupten wolle, daß ſie ihn lieb habe ſo arrogant ſei er durchaus nicht aber ſo viel ſei gewiß, daß ſie eines Abends, als es ſchon ſehr ſpät war und er, von dem vielen Fahren müde, die Augen nicht mehr aufhalten, vor all dem Rütteln und Schütteln aber nicht zum Schlafen kommen konnte, es ſich ruhig gefallen ließ, als ſein Kopf in der Schlaftrunken⸗

heit auf ihre Schulter ſank, und dort wohl eine halbe Stunde liegen blieb. Das werde er ihr nie vergeſſen und wenn er einmal Gelegen⸗ heit haben ſollte, ihr einen Dienſt zu leiſten, dann wünſche er nur, daß es dabei um Hals und Kragen gehe, ſonſt hätte es doch keine rechte Art. So ſprach der Knabe und ſeine Worte fielen dicht wie Feuer⸗ funken aus einem Gebäude, das in hellen Flammen ſteht und ſeine Wangen glühten. Oswald bemerkte wohl, daß das ſchöne Mädchen einen großen Eindruck auf den wilden Knaben gemacht hatte, aber wrie groß, wie allmächtig dieſer Eindruck war, welche Revolution in dieſer frühreifen, übermächtigen Natur eine erſte, wie ein Lavaſtrom hereinbrechende Liebe hervorgebracht hatte das ahnte er nicht. Er ſcherzte über ſeines Lieblings feurigen Enthuſiasmus, um ſo witziger und feiner, als er denſelben in nicht geringem Grade theilte, und Bruno, der ſich von Oswald Alles gefallen ließ, lachte mit und lächelnd und ſcherzend ſagten ſie ſich gute Nacht. Bruno ging in ſeine Kammer, Oswald ſetzte ſich wieder in den Lehnſtuhl... Auf dem Tiſch vor dem Sopha brannte die Lampe, aber ſo dunkel, daß man das Flimmern des Mondes, der eben über die Buchen des Walles heraufſtieg, wohl in der Stube bemerkte; ein einzelner Stern in der Nähe der Mondſichel ſchimmerte aus dem tiefen Blau des nächtlichen Himmels. Durch das offene Fenſter ſtrömte die weiche balſamiſche Nachtluft 6 war ſo ſtill, daß man

die fallenden Tautropfen deutlich hörte. Und jetzt, während Oswald

ſaß und lauſchte, klangen, wie die Töne einer Aeolsharfe, auf einem,

Flügel mit kunſtgeübter Hand angeſchlagene Accorde zu ihm hen

Fr. Spielhagen's Werke. II. 12