172 Problematiſche Naturen.
Da war es ihm, als hörte er von dem Raſenplatze an der anderen Seite des Schloſſes Stimmen erſchallen. Er erinnerte ſich, daß es wohl an der Zeit ſei, die Geſellſchaft aufzuſuchen und zu begrüßen. Er kleidete ſich um, nahm eine Nelke aus dem Blumenſtrauß und ging hinunter.
Als er die Thür des Wohnzimmers öffnete, aus welchem die Fenſterthür nach dem Raſenplatz führte, hörte er die Stimmen deut⸗ licher, und als er ein paar Schritte in das leere Zimmer hinein ge⸗ than hatte, ſah er auch ſchon einen Theil der Geſellſchaft, die auf dem Raſen mit dem Lieblingsſpiel der Baronin, dem Reifenſpiel, eifrigſt beſchäftigt war. Er näherte ſich leiſe der Thür und blieb auf dem⸗ ſelben Platze ſtehen, von welchem aus Melitta an jenem Nachmittage ihn zum erſten Male erblickt hatte, als er Arm in Arm mit Bruno unter den Bäumen hervortrat.
Die Geſellſchaft beſtand aus dem Baron und der Baronin, Made⸗ moiſelle Marguerite und Herrn Timm, Malte und Bruno und einer jungen Dame, die Oswald den Rücken zugewandt hatte, ſo daß er nur die ſchlanke, leichte Geſtalt, deren reizende Formen ein einfaches weißes Gewand gar anmuthig hervortreten ließ, und das üppig dichte, leicht gekräuſelte, blauſchwarze Haar bemerken konnte, welches in ver Mitte geſcheitelt und hinten in vielen Zöpfen zuſammengeſteckt, die Linien des wundervoll ſchön geformten Kopfes in weichen Umriſſen nachzeichnete.
Oswald's Blicke waren, wie von einem Zauber, an dieſe jugend⸗ liche Geſtalt gefeſſelt, die, ohne den Platz zu verlaſſen, beinahe regungslos daſtand, und nur in regelmäßigen Zwiſchenräumen die Arme hob, um den Reif aufzufangen, den Bruno, ihr Nachbar, mit nie fehlender Sicherheit ſtets ſo ſchleuderte, daß er in einem Halb⸗ bogen unmittelbar auf ihren Stock herabſchwebte, oder den eben auf⸗ gefangenen Reif weiter zu ſchicken an Malte, der ihn jedes zweite Mal fallen ließ und ſich bitter beklagte, Helene werfe ſo ſchlecht, und Helene thue es ihm nur zum Aerger, und es müſſe ein Anderer an Helenen's Stelle treten.
„So komm hierher, Helene,“ ſagte die Baronin,„Du wirfſt auch wirklich ſehr ſchlecht.“


