Teil eines Werkes 
2. Band, Problematische Naturen : 2. Band (1866)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Zweiter Band. 2

Mutter und Tochter tauſchten mit den Plätzen, und Oswald konnte jetzt Helene voll in's Antlitz ſehen...

Es war eins der Geſichter, die man nie wieder vergißt, wenn man einmal mit fühlenden Augen hineingeſchaut, an die ſich noch der Greis über ein halbes Jahrhundert weg mit wehmüthiger Freude er⸗ innert, wie er ſich an einen warmen Sommerabend erinnert, als er ein kleiner Schulknabe mit den Brüdern im Garten ſpielte und aus der Laube das Lachen der großen Mädchen klang: eins der Geſichter, die uns, wenn wir noch ſo traurig ſind, anlächeln, wie ein Sonnenblick an einem düſtern Herbſttage, die, wenn es in unſerm Herzen noch ſo öde iſt, uns wieder an Poeſie und Alles, was ſchön und göttlich iſt, glauben machen.

Oswald ſtand in Bewunderung verloren, wie man vor einem wunderherrlichen Gemälde anbetend ſtehen bleibt. Es war nicht das liebliche Oval des reizenden Geſichtes; es waren nicht die großen, dunkeln, träumeriſchen Augen, die aus den langen ſchwarzen Wimpern mit einem ſo zauberiſchen Lichte leuchteten; es waren nicht die vollen roſigen Lippen, die ſo freundlich lächeln konnten; es war nicht das dunkle Incarnat des ſammetweichen Teints es war eben Alles in Allem. Wer kann die Sonnenſtrahlen fangen? wer die Töne der

173

Nachtigall auf Noten bringen? wer die Schönheit zergliedern? Os⸗

wald verſuchte es auch nicht; er fühlte nur, daß er etwas Schöneres nie im Leben geſehen habe, nie wieder ſehen werde, und es war ihm, als ob ein holder Traum, den er oft und oft geträumt, nun endlich in Erfüllung gegangen, als ob die blaue Blume, nach der er all⸗ überall vergeblich geſucht, nun endlich gefunden ſei..

Oswald wollte die Geſellſchaft begrüßen, aber es war, als ob ſein Fuß an den Boden gefeſſelt wäre. Eine ihm unerklärliche Angſt ergriff ihn, ein banges Zagen, als ob jetzt etwas Ungeheures ge⸗ ſchehen müſſe, als werde in dieſem Augenblick von geheimen Mächten des Schickſals über das Wohl und Wehe ſeines Lebens entſchieden... er hätte fliegen mögen, weit, weit fort, in die tiefſte Einſamkeit...

Da bemerkte er, daß der alte Baron, dem es draußen zu kühl werden mochte, aus dem Kreiſe ausgeſchieden war und ſich dem Hauſe