168 Problematiſche Naturen.
iſt, ſich an Andere anzulehnen; der von Jugend auf gewohnt iſt, ſeinen Willen, ſeine Meinung dem Willen Anderer unterzuordnen, oder beſſer noch, der überhaupt gar keinen eigenen Willen und keine eigene Mei⸗ nung hat. Von dem Allen iſt bei Ihnen das Gegentheil der Fall. Sie ſind viel zu bedeutend für dieſe unbedeutenden Menſchen. Sie ärgern ſich über dieſe Menſchen, und vice versa. Das iſt einmal nicht anders, wo ſo heterogene Elemente eine Verbindung eingehen ſollen. Sie halten die Baronin für das, was ſie iſt, für eine dünkel⸗ hafte, adelsſtolze, trotz ihrer Beleſenheit bornirte, engherzige, geizige Perſon, die Baronin hält Sie für das, was Sie nicht ſind: für einen unendlich in ſich verliebten, hochmüthigen Narren. Sie leben in einem Hauſe, Sie eſſen an einem Tiſch, und haben doch ſo wenig Berüh⸗ rungspunkte, als ob Sie durch eine Welt getrennt wären;Sie bleiben bei einander, weil Keiner aus dieſem oder jenem Grunde das Wort der Trennung ſprechen will, bis ein Augenblick kommt, der den Einen und den Andern gebieteriſch zur Entſcheidung drängt. Habe ich nicht recht?“
„Ich kann es nicht in Abrede ſtellen.“
„Sehen Sie. Und die Sache wird, glaube ich, jetzt noch ſchlim⸗ mer werden.“
„Warum jetzt.“
„Bis jetzt hatten Sie in dieſem Narrenhauſe nur ein edles Ge⸗ ſchöpf, das Sie lieben und bemitleiden konnten: den köſtlichen Bruno; jetzt, wenn Sie zurückkehren, werden Sie noch einen zweiten Clienten, oder vielmehr eine zweite Clientin finden. Ich fürchte, das arme Kind iſt, um die erſte Rolle einer Familientragödie zu übernehmen, aus der Idylle ihres Hamburger Penſionats hierher nach Grenwitz geſchleppt worden. Ich fürchte, es ſteht eine ſchwere Gewitterwolke über dem ſchönen Haupt des unglücklichen Mädchens. Sie werden, wie ich Sie kenne, verſuchen wollen, den Schlag abzuwenden, und untröſtlich ſein, daß Sie es nicht vermögen. Sie blicken mich mit großen Augen fragend an, und ich ſehe, daß Sie von den Geheim⸗ niſſen der Familie, in der Sie ſchon ſeit einem Vierteljahre leben, noch ſo gut wie gar nichts wiſſen. Die Sache iſt die: Anna⸗Maria lebt in beſtändiger Furcht vor dem Tode des alten Barons, weil, wenn
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