160 Problematiſche Naturen.
mer, die er bewohnte, gezeichnet; er hatte ſtets ein freundliches Wort für Jeden, ſelbſt für den ſteinalten, halb blödſinnigen Vater von Mutter Karſten, der den ganzen Tag in ſeinem Lehnſtuhle in der Sonne ſaß und unverwandt auf das Meer hinausſtarrte, wenn ihm nicht, was freilich oft geſchah, die alten noch immer ſcharfen Augen vor Müdigkeit zufielen. Mutter Karſten erklärte, daß Oswald ein eben ſo„ordentlicher, ehrlicher“ Menſch ſei, wie ſein Vorgänger, daß es aber bei ihm hier(mit der bezeichnenden Bewegung des Fingers nach der Stirn) noch weniger richtig ſei, als bei jenem. Was Mut⸗ ter Karſteß zu dieſem Ausſpruch veranlaßte, war der allerdings ver⸗ dächtige Umſtand, daß der junge Menſch, welcher doch nun einmal verrückt genug war, eine in ihren Augen ſo überflüſſige Hantirung zu treiben, nicht nur nicht die wieder übertünchten Wände ſeiner Schlafkammer mit Kohlenſtizzen von Schiffen unter vollem Segel, einſamen Klippen, über denen Möven flatterten und originellen Matroſengeſichtern be⸗ deckte wie ſein Vorgänger weiland, ſondern überhaupt gar nicht zeich⸗ nete und malte, ſondern den lieben langen Tag nichts that, als am Strande umherlaufen, oder auf einem der kleinen Ruderbvote mutter⸗ ſeelenallein ſo weit auf's Meer hinausfahren, daß man ihn vom Strande aus kaum noch ſehen konnte. Wie und womit er ſich auf dieſen ſtundenlangen Spaziergängen und Fahrten die Zeit vertrieb, war Mutter Karſten ein unergründliches Räthſel, würde ſelbſt dann für ſie noch immer ein Räthſel geweſen ſein, wenn ſie geſehen hätte, daß Oswald, ſobald er ſich allein wußte, einen Brief, den ihm vor ein paar Tagen ein alter, ſonderbar ausſehender Mann gebracht hatte, aus der Taſche nahm und ihn wieder und immer wieder ſtudirte, als ob er ihn nicht ſchon längſt Buchſtab für Buchſtab und Zeichen für Zeichen auswendig gewußt hätte. Der ſonderbar ausſehende alte Mann, der„ſo ein hochbeiniges, longhalſiges Pferd ritt, wie ſie der Claus Jochen in England geſehen hatte,“ war nämlich Niemand anders geweſen als der alte Baumann auf dem Brownlock. Oswald hatte ihm gleich am nächſten Tage nach ſeiner Ankunft in Saſſitz mitgetheilt, daß er ſich entſchloſſen habe, bis auf weiteres hier zu bleiben(auch nach Grenwitz hatte er dieſelbe Botſchaft geſchickt, mit der Bitte, ihm etwa ankommende Briefe nachzuſenden), und einen Tag ſpäter konnte
—


