Teil eines Werkes 
2. Band, Problematische Naturen : 2. Band (1866)
Entstehung
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Zweiter Band. 149

ich Ihnen noch lange vor, was Sie ſo gut und noch beſſer wiſſen als ich. Sie haben ja auch zu dieſer Reiſe gerathen, obgleich Sie doch am meiſten dabei verlieren. Es muß eine ſchauerliche Empfindung ſein, ſo plötzlich aus allen ſeinen Himmeln geriſſen zu werden. Selt⸗ ſam! ſeltſam! je länger ich über dies Alles nachdenke, deſto begreif⸗ licher wird es mir. Ja, ja— daß Sie die herrliche Frau lieben, das iſt ja ſo natürlich, ſo— ich möchte ſagen: logiſch— das Gegentheil würde baarer Unſinn ſein: Es muß ſie Jeder lieben, und um ſo mehr lieben, je edler ſein Herz, je empfänglicher ſeine Seele für das Gute und Schöne iſt. Ihr Herz iſt edel, Ihre Seele klingt harmoniſch mit allem Schönen zuſammen; ſo müſſen Sie auch dieſe ſchönſte und beſte Frau von ganzem Herzen, von ganzer Seele lieben. Und auf der anderen Seite: iſt ſie nicht frei? wenn auch nicht vor den Menſchen, ſo doch vor dem Richter, der in's Verborgene ſieht? hat ſie ihren Gemahl jemals geliebt? konnte ſie ihn lieben, dem ſie verkauft wurde um ſchnödes Geld— verkauft von dem eigenen Vater, als ſie noch viel zu jung und unſchuldig war, das Bubenſtück auch nur zu ahnen, geſchweige denn zu durchſchauen? O! mein Blut kocht, wenn ich daran denke! nein, nein! ſie durfte Sie lieben, ſie mußte Sie lieben, ſie, deren Herz ganz Liebe und Güte iſt. Ich freue mich, daß es ſo gekommen iſt, ich wünſche Ihnen Glück von ganzem Herzen. Ich bin ein einfacher, unbedeutender Menſch und würde im Gefühl dieſer meiner Unbedeutendheit nimmer den Blick zu ſolcher Höhe zu erheben wagen; aber, wenn ich einen Andern kühn und ſtolz auf dieſer Höhe wandeln ſehe, ſo erfüllt das meine Bruſt mit Bewunderung, die von Neid frei, ganz frei iſt, und noch einmal: ich wünſche Ihnen Heil und Segen von ganzem Herzen!“

Herr Bemperlein ergriff Oswald's beide Hände und drückte ſie mit Lebhaftigkeit. Die Augen ſtanden ihm voll Thränen; er war innerlichſt erſchüttert.

„Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen,“ ſagte Oswald ge⸗ rührt.„Das Urtheil eines Mannes, den ich ſo hoch achte, iſt mir tauſendmal mehr werth, als das Urtheil der dummen, blinden Welt. Die Welt wird unſere Liebe verketzern und verdammen, aber die Welt weiß nichts von Gerechtigeit.“