Zweiter Band. 147
Oswald durchflog das Schreiben, welches, wie Bemperlein ſchon geſagt hatte, Melitta aufforderte, ſich ſofort auf den Weg zu machen, falls ſie den ſterbenden Gatten noch einmal zu ſprechen wünſche.
„Du mußt reiſen, Melitta, ohne Frage,“ ſagte Oswald, den Brief wieder zuſammenfaltend.„Du würdeſt es Dir nie vergeben können, wrllteſt Du jetzt dieſe Pflicht nicht erfüllen.“
Melitta warf ſich ſtürmiſch in die Arme ihres Geliebten:„Es war von vornherein mein Wille zu reiſen: ich wollte ihn nur von Dir beſtätigt hören,“ ſagte ſie.„Ich reiſe noch in dieſer Nacht, noch in dieſer Stunde.— Wollen Sie mich begleiten, lieber Bemperlein?“
„Ich bin in dieſer Abſicht hierher gekommen, gnädige Frau,“ fagte Herr Bemperlein,„und habe den Reiſeplan ſchon entworfen. Wenn wir in einer Stunde etwa aufbrechen, ſind wir noch vor Sonnenaufgang an der Fähre. Drüben nehmen wir Extrapoſt bis Pe, von da Eiſenbahn. So ſind wir übermorgen Nacht ſpäteſtens an Ort und Stelle.“
„Sie guter, treuer Freund,“ ſagte Melitta, Bemperlein's beide Hände in die ihren nehmend und herzlich drückend.
„Bitte, bitte, gnädige Frau!“ rief Herr Bemperlein,„Zanz im Gegentheil, wollte ſagen, nur meine verdammte Pflicht und Schul⸗ digkeit.“
„Ich will mich ſogleich zur Reiſe fertig machen,“ ſagte Melitta, ein Licht ergreifend.„Bleibe ruhig hier, Oswald. Wenn Jemand von den Leuten Dich ſehen ſollte, biſt Du mit Bemperlein gekommen; es wird Dich aber Niemand ſehen.“
Melitta hatte das Zimmer verlaſſen. Bald hörte man in dem cben noch ſo ſtillen Hanſe das Geräuſch von eiligen Schritten, von Thüren, die haſtig auf⸗ und wieder zugemacht wurden, von dumpfen Stimmen, die ängſtlich durcheinander ſprachen.
Von den beiden Männern wagte in den erſten Minuten keiner das Schweigen zu brechen. Beide fühlten das Wunderliche der Si⸗ tuation, in die ſie ſo urplötzlich gerathen waren; vor allem Bemper⸗ lein, der ſich innerlich noch immer nicht von ſeinem tiefen Erſtaunen erholen konnte. Melitta ſtand in ſeinen Augen ſo unerreichbar hoch
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