146 Problematiſche Naturen.
und überdies hatte Herr Bemperlein— denn Niemand anderes war es— ſie ſchon erkannt, denn die Sterne leuchteten jetzt in voller Pracht, und aus den Fenſtern des Gartenſaales fiel ein Lichtſchimmer ven Gang hinab, gerade in die Geſichter der Beiden.
„Mein Gott, gnädige Frau, wie kommen Sie hierher?“ rief Herr Bemperlein.
„Ich gebe die Frage zurück,“ ſagte Melitta, und dann zu Oswald, deſſen Arm ſie nicht losgelaſſen hatte, leiſe:„Sei ruhig, lieb Herz; er verräth uns nicht.“
„Es iſt doch Julius kein Unglück zugeſtoßen? Sprechen Sie, lieber Bemperlein, ich habe keine Geheimniſſe vor— Oswald.“
Herr Bemperlein ergriff Oswald's Hand und drückte ſie, als wollte er ſagen: ich weiß jetzt Alles, rechnet auf mich.
„Nein, ſagte er;„Julius iſt wohl und munter, aber ich bekam heute einen Brief von Doctor Birkenhain, dem zufolge es mit dem Befinden Herrn von Berkow's ſo ſchlecht ſteht, daß man täglich ſein Ende erwartet. Daß er vor ſeinem Ende noch einmal zum Bewußtſein kommen könnte, iſt natürlich nicht zu erwarten; aber Doctor Birken⸗ hain hielt es für ſeine Pflicht, Ihnen dieſe Lage der Dinge mitzu⸗ theilen. Jedenfalls wird dies der Inhalt des eingelegten Briefes an Sie ſein. Ich habe ihn ſelbſt gebracht, damit Sie ſofort über meine Dienſte verfügen könnten, im Falle Sie ſich zu einer Reiſe entſchließen ſollten. Der Wagen, in welchem ich gekommen bin, wird jetzt wohl ſchon vor dem Hauſe halten; ich hatte den kürzeren Weg durch den Garten vorgezogen.“
Die Drei waren in den Gartenſaal getreten. Melitta hatte Oswald's Arm losgelaſſen und ſich der Lampe genähert, den Brief zu leſen, welchen Bemperlein ihr überbracht hatte. Oswald ſah, daß ſte ſehr blaß geworden war, und daß ihre Hand, die den Brief hielt, zitterte. Bemperlein ſtand, den Blick von Melitta auf Oswald, von Oswald auf Melitta wendend, da, wie Jemand, der, aus einem ſchweren Schlaf erwachend, ſich noch nicht von der Wirklichkeit deſſen, was er vor ſeinen Augen ſieht, überzeugen kann.
Melitta hatte den Brief geleſen:„Da, Oswald,“ ſagte ſie,„lies und ſage, was ſoll ich thun.“


