Zweiter Band. 39
aber wenig kirchliche Geſinnung, denken, wie man will, einen durchdringenden Scharfblick, eine eminente Gelehrſamkeit abſprechen kann, ſich in dem intimen Umgange eines Ignoranten wohl gefühlt haben ſollte.“
„Ich erlaube mir in wiſſenſchaftlichen Dingen kein Urtheil,“ ſagte die Baronin;„und ſo mag meinetwegen Herr Stein neben dem Piſtolenſchießen, worin er ja, wie ich höre, brilliren ſoll, auch noch zu ſtreng wiſſenſchaftlichen Studien Zeit gefunden haben; aber es kann Jemand gute Manieren haben und Gelehrſamkeit dazu, und doch ein unmoraliſcher Menſch ſein.“
„Aber liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der alte Baron ganz er⸗ ſchrocken, während der Paſtor die Mundwinkel herunterzog und bei⸗ ſtimmend nickte.
„Ich bleibe dabei,“ fuhr die Baronin fort,„ein unmoraliſcher Menſch. Hätte ich gewußt, was ich leider zu ſpät erfuhr, daß der Profeſſor bei aller ſeiner vielgerühmten Gelehrſamkeit in dem Geruche eines Demokraten und Atheiſten— ich weiß nicht, welches von beiden das Schlimmere iſt, denn wer ſeinen Gott nicht ehrt, kann auch ſeinen König nicht ehren und umgekehrt— ich ſage, hätte ich gewußt, daß der Profeſſor ein Freidenker und ein Mann der Umſturzpartei iſt, ich würde ihm nimmermehr bei der Wahl eines Erziehers für meinen Sohn eine entſcheidende Stimme eingeräumt haben.“
„Aber liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der Baron;„es iſt doch möglich, daß Du in Betreff Steins ungegründeten Befürchtungen Raum giebſt. Ich erinnere mich, nie ein Wort von ihm gehört zu haben, in dem man mit Sicherheit die Beſtätigung eines ſo ſchrecklichen Verdachtes hätte finden können.“
„Nun, Paſtor Jäger,“ ſagte die Baronin,„ſind Sie auch von der Unſchuld des jungen Mannes ſo feſt überzeugt?“
„Ich würde nicht der Wahrheit die Ehre geben,“ ſagte dieſer mit der Miene und dem Ton herzinnigſten Bedauerns,„wollte ich leugnen, aus ſeinem Munde Aeußerungen vernommen zu haben, die an das Gebiet des Frivolen, ja, ich möchte ſagen: Unheiligen nahe genug ſtreif⸗ ten, um mich, ich darf wohl ſagen— recht ſchmerzlich zu berühren.


