Zweiter Band. 25
— So, Du kleiner Ganymed, nun ſieh' zu, ob Dich Deine Füße wieder tragen—“
Der Baron ließ das Kind aus ſeinen Armen auf den Boden gleiten.„Aber, wo iſt denn die Mutter geblieben, oder wer ſonſt das braune Weib war?“ fragte er, erſtaunt, Pswald allein zu finden.
Oswald theilte ihm in kurzen Worten mit, ſich während. ſeiner Abweſenheit zugetragen hatte.
„Nun, das iſt nicht übel,“ ſagte der Baron;„die Sache wird immer romantiſcher. Vollmond, Sumpfesrand, ein ſchlaues egyptiſches Weib und zwei gute deutſche Jungen, die ſich nasführen laſſen!— Was ſollen wir denn mit der Czika, wie Sie die kleine Prinzeſſin nennen— denn ich wette, es iſt ein geſtohlenes Königskind— unter⸗ deſſen anfangen?“
„Wenn wir ſie nicht auf der offenen Landſtraße zurücklaſſen wol⸗ len, werden wir uns wohl entſchließen müſſen, ſie mit uns zu nehmen.“
„Aber das Kind wird nicht mit uns gehen wollen. Höre, kleine Czika, willſt Du mit mir gehen?“
„Ja, Herr,“ ſagte das Kind, das bis jetzt, ohne eine Spur von Beſorgniß, Furcht oder Angſt zu verrathen, ruhig dageſtanden hatte.
„Hm!“ ſagte der Baron,„da komme ich ja zu einem Adoptiv⸗ kinde, ich weiß nicht wie.“
Er war mit einem Male ſehr ernſt geworden. Er ſtreichelte der Czika die blauſchwarzen ſeidenen Locken von der feinen Stirn, und betrachtete ſie lange unverwandt.
„Wie ſchön das Kind iſt!“ murmelte er;„wie wunderſchön! Und wie groß es geworden iſt!— Komm mit mir; kleine Czika, Du ſollſt es gut, ſehr gut bei mir haben; ich will Dich mehr lieben als Deine Mutter, die Dich ſo ſchnöde verlaſſen, Dich je geliebt hat.“
„Mutter verläßt die Czika nicht;“ ſagte das Kind, ruhig zum Baron emporblickend;„Mutter iſt, wo die Czika iſt; Mutter iſt überall.“
Sich von den Männern abwendend, legte es die Händchen an den Mund; und in den ſtillen Wald hinein gellte ein Schrei, dem Ruf des jungen, hungrigen Falken täuſchend ähnlich.


