Zweiter Band. 23
Seite, und rief mit gellender Stimme, die Hände flehend erhebend: „Mein Kind— mein Kind! ſie haben mir mein Kind geraubt!“
Nur mit Mühe konnte der Kutſcher die Pferde zum Stehen brin⸗ gen. Oswald, der in dem Weibe ſofort die braune Gräfin erkannt hatte, war vom Wagen herabgeſprungen.
„Rette mein Kind, Herr! rette mein Kind!“ ſe die Zigeunerin, ſich vor ihm niederwerfend und ſeine Knie umklaind.
Der Baron lachte.
„Eine ungeheuer romantiſche Situation, Herr Doctor!“ rief er vom Wagen herab.„Morgenbämmerung, Wälderrauſchen, Zigeuner, des Königs Hochſtraße,— wahrhaftig: reiner Eichendorf! Unterdeſſen, daß Sie die ſchöne Beraubte tröſten, will ich den Räubern nachſetzen, die übrigens nur Schafe in Wolfskleidern, das heißt ein paar unſrer hohlköpfigen Junker ſein werden, die das Ganze für einen genialen Spaß halten.“
„Der auf dem Schimmel war der junge Herr von Nadelitz,“ ſagte der Kutſcher, der die wilden Pferde kaum halten konnte, über die Schulter gewandt.
„Zu!“ rief der Baron,„wir wollen die Junker Mores lehren!“
Der Wagen donnerte weiter.
Die Zigeunerin hatte ſich wieder erhoben. Sie ſah dem Wagen nach, der in raſender Schnelligkeit auf dem höckrigen Waldweg dahin⸗ fuhr und jetzt hinter der vorſpringenden Ecke verſchwand. Ein ſelt⸗ ſames Lächeln flog über ihr Geſicht, während ſie, in athemloſer Auf⸗ merkſamkeit lauſchend, daſtand. Dann, als ihr ſcharfes Ohr das Rol⸗ len des Wagens nicht mehr vernahm, kreuzte ſie die nackten Arme über der vollen Bruſt, deren unruhiges Wogen einzig von dem Sturm, der eben noch ihren ganzen Organismus erſchüttert hatte, zeugte, und ſtarrte, in tiefes Nachdenken verſunken, düſter vor ſich nieder. Plötzlich hob ſie den Kopf und ſagte, die großen glänzenden Augen auf Oswald heftend:
„Kennſt Du den fchwarzen Mann, der mir die Czika wieder⸗ bringt?“
„Ja, Iſabell.“
„Iſt er Dein Freund?“


