Zweiter Band. 21
„Sollte dies nicht ein Beweis dafür ſein, daß es mit dem viel⸗ geklagten Unglück dieſer Leute ſo ſehr arg nicht ſein kann?“
„Vielleicht; vielleicht beweiſt es aber auch nur, wie ſchwer es dem Menſchen wird, die letzte Hoffnung ſchwinden zu laſſen. Warum ſchleppt ſich der verirrte Wandrer mechaniſch weiteg durch den tiefen Schnee? warum ſpäht der arme Schiffbrüchige g Salas y Gomez ein halbes Jahrhundert über die öde Waſſerwüſte h dem rettenden Segel? warum zerſchellt ſich der auf Lebenszeit Eingekerkerte nicht den Kopf an der Wand ſeines Kerkers? warum erhängt ſich der arme Schelm, der morgen früh hingerichtet werden ſoll, nicht heute Nacht ſchon in ſeinen Ketten?— weil ihr Unglück ſo groß nicht iſt? Pah, glauben Sie doch das nicht— einzig und allein, weil noch immer ein ſchwacher Schimmer von Hoffnung, von Rettung durch die Hölle ihrer Leiden dämmert, wie dort der blaſſe Streifen im Oſten. Wenn auch dieſer matte Schimmer einmal verlöſchte, dann, ja dann muß die alte Mutter Nacht ihr armes, verirrtes Kind wiedernehmen, die milde, gute, liebevolle Todesnacht.“
Nach einer kurzen Pauſe, während welcher der Baron mächtige Dampfwolken aus ſeiner Cigarre geblaſen hatte, fuhr er in etwas ruhigerem Tone fort:
„Ich bin ein paar Jahre älter als Sie, und das Geſchick ver⸗ ſtattete mir, in kürzerer Zeit ein größeres Stück vom Leben zu ſehen, als es ſonſt wohl dem Menſchen gegeben iſt. Ich habe das, wovon der graue Freund dem jungen Wolfgang in Leipzig eine möglichſt große Portion wünſchte: Erfahrung. Ich könnte, müßte wenigſtens mittler⸗ weile erfahren haben, daß für mich und Meinesgleichen keine Hoff⸗ nung mehr im Leben iſt, und dennoch, trotzdem daß ich ſage: ich habe keine Hoffnung mehr, hoffe ich im Stillen doch immer auf ein mög⸗ liches Glück, wie der Schwindſüchtige auf Geneſung. Nehmen Sie zum Beiſpiel eine Geſellſchaft, wie die, aus der wir eben kommen. Ich weiß, wie hohl die Freuden dieſer Menſchen ſind, ich weiß, wie kummervolle Geſichter, welch' erbärmliche Armenſündermienen ſich hin⸗ ter den lachenden Geſellſchaftsmasken verſtecken— ich weiß, vaß die⸗ ſes hübſche Mädchen in zehn Jahren eine unglückliche Frau, oder eine Idiotin iſt, daß dieſer prächtige Junge, der den Kopf ſo hoch trägt


