Teil eines Werkes 
2. Band, Problematische Naturen : 2. Band (1866)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20 Problematiſche Naturen.

den Füße ſchmerzen und es ihn verlangt, das müde Haupt endlich einmal zur Ruhe zu legen. Wohl bittet er, von Durſt gequält, in dieſer oder jener Hütte um einen Labetrunk, aber er giebt den leeren Krug ohne Dank zurück; denn es ſchwamm eine Fliege in dem Waſ⸗ ſer, oder das äß, und wäre es von Asbeſt, war nicht reinlich, und ſo oder ſt rquickung hatte er ſich nicht getrunken. Erquickung! Wo iſt das A in das wir einmal geſchaut haben, um nie wieder in ein anderes, glänzenderes, feurigeres ſchauen zu wollen; wo iſt der Buſen, an dem wir einmal ruhten, um nie wieder das Pochen eines anderen, wärmeren, liebedurchglühteren Herzens hören zu wollen? wo? ich frage Sie wo?

Der Baron ſchwieg: Oswald fühlte ſich auf die ſeltſamſte Weiſe bewegt. Was der ſonderbare Mann an ſeiner Seite in einem faſt elegiſchen Tone, der auffallend mit ſeiner ſonſtigen herben, rauhen Sprachweiſe conſtratirte, wie träumend, wie mit ſich ſelbſt redend, ſprach, das waren ſo ganz ſeine eigenen Gedanken, die er oft und oft, als Knabe ſchon, und immer wieder im Leben gehabt, daß ihm faſt ein Grauen ankam vor dieſer geiſtigen Doppelgängerei. Er fand keine Antwort auf eine Frage, die er ſelbſt aufgeworfen zu haben ſchien.

Es hat mir immer viel zu denken gegeben, hub der Baron wieder an,daß der Menſch ſich ſelbſt, ſeine Exiſtenz erſt mehr oder weniger vergeſſen muß, bevor er in den Zuſtand kommt, den wir in Ermangelung eines andern Wortes mit glücklich bezeichnen, und daß wir ihn um ſo glücklicher nennen müſſen, je tiefer dieſe Vergeſſenheit iſt. The best of life is but intoxication, ſagt Lord Byron; ja wohl! die Liebe, die Romeo⸗ und Julieliebe, für die man in den Tod geht, wie zu einem heitern Feſt, iſt auch nur ein Rauſch! Schlafen iſt beſſer, als wachen, ſagt die Weisheit der Inder; das Beſte von allen aber iſt der Tod.

Und doch tödten ſich im Verhältniß ſo wenig Menſchen warf Oswald ein.

Ja, das iſt merkwürdig genug, ſagte der Baron,beſonders heut' zu Tage, wo die Meiſten ſich ſelbſt vor den Hamlet⸗Träumen, die uns in jenem ewigen Schlafe kommen möchten, nicht mehr fürchten.