Zweiter Band. 19
Höhe geſchlagen, die langen Beine von ſich ſtreckend, in Nachdenken verſunken ſchien. So mochten ſie wohl eine Viertelſtunde lang ſchwei⸗ gend neben einander geſeſſen haben, als der Baron plötzlich ſagte:
„Sie rauchen ja nicht?“
„Nein.“
„Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?“
„Ich danke: ich bin kein Raucher!“
„Das iſt wunderbar.“
„Weshalb?“
„Weil ich nicht begreifen kann, wie es ein Menſch im neunzehnten Jahrhundert aushalten kann, ohne Taback oder Opium zu rauchen, Haſchiſch zu kauen oder ſonſt auf irgend eine Weiſe das katzenjäm⸗ merliche Gefühl ſeiner elenden Exiſtenz in etwas abzuſchwächen. Und gerade von Ihnen begreife ich es am wenigſten.“
„Warum gerade von mir?“
„Weil, wenn mich nicht Alles täuſcht, Sie vor Sehnſucht nach der blauen Blume tödtlich erkrankt ſind, und in dieſer unbefriedigten Sehnſucht auch eines ſchönen Tages ſterben werden. Sie erinnern ſich doch der blauen Blume in Novalis' Erzählung? der Blume, nach der Heinrich von Ofterdingen's armes Herz verſchmachtete? Die blaue Blume! Wiſſen Sie, was das iſt? das iſt die Blume, die noch keines Sterblichen Auge erſchaute, und deren Duft doch die ganze Welt er⸗ füllt. Nicht alle Creatur iſt fein genug organiſirt, dieſen Duft zu empfinden; aber die Nachtigall iſt von ihm berauſcht, wenn ſie heim Mondenſchein oder in der Dämmerung des Morgens ſingt und klagt und ſchluchzt, und all die närriſchen Menſchen waren es und ſind es, die früher und jetzt in Proſa und Verſen dem Himmel ihr Weh und Ach klagten und klagen, und noch Millionen dazu, denen kein Gott gab, zu ſagen, was ſie leiden, und die in ihrer ſtummen Qual zum Himmel blicken, der kein Erbarmen mit ihnen hat. Ach, und aus dieſer Krankheit iſt keine Rettung— keine, als der Tod. Wer nun einmal den Duft der blauen Blume eingeſogen, für den kommt keine ruhige Stunde mehr in dieſem Leben. Als wäre er ein verruchter Mörder, als hätte er den Herrn von ſeiner Schwelle geſtoßen, ſo
treibt es ihn weiter und immer weiter, wie ſehr ihn auch ſeine wun⸗ 2*


