Problematiſche Naturen.
glaubt, ein ehrlicher Kerl könne kein ernſthaftes Wort vorbringen, ohne eine Leichenbittermiene dabei zu machen. Der Humor iſt Euch ein unbekannter Luxus. Nun wohl, mein ernſthafter Freund, was haſt Du?“
„Höre, Oldenburg—“
„Still! wir ſind doch hier unbelauſcht? Mir war, als hörte ich eine Ratte hinter den Tapeten?“
„Es war nichts.“
„Eh bien, ſo verkünde mir in möglichſt verſtändlichen Worten Deine Trauermähr.“
Die Stimmen der Redenden wurden leiſer, aber nicht ſo ſehr, daß Oswald nicht jedes Wort deutlich hörte. Er verwünſchte ſeine Situation, die ihm die Rolle des Lauſchers aufzwang; aber er ſah keine Möglichkeit zu entrinnen. Da Oldenburg Fräulein von Breeſen erkannt hatte, würde er die Ehre dieſer jungen Dame preisgegeben haben, wäre er jetzt aus ſeinem Verſteck hervorgekommen. Er ver⸗ ſuchte, ob er nicht geräuſchlos das Fenſter öffnen könne, um mit einem kühnen Sprunge über die Stachelbeerhecke fort, die ſich unter demſelben hinzog, in den Garten, und von dort durch die offene Thür des Ballſaales in dieſen zurückzugelangen, aber er ſtand von dieſem Vorhaben, als zu gewagt, ab, und ergab ſich, nicht ohne heimlich ſeinen Unſtern zu verwünſchen, in die halb lächerliche, halb ärgerliche Situation.
„Oldenburg,“ ſagte Barnewitz,„hat Cloten Dich gebeten, ihn zu meiner Frau zu ſetzen, oder war es blos ein Einfall von Dir?“
„Wie kommſt Du auf dieſe ſeltſame Frage?“
„Gleichviel! beantworte ſie mir nur?“
„Nicht, bevor ich weiß, wo dies Alles hinaus ſoll!“
„Ich will eine Antwort und keine Ausflucht,“ ſagte der wüthende Edelmann.
„Euer Drohen hat keine Schrecken, Caſſius,“ antwortete Olden⸗ burg mit einem Tone, deſſen königliche Ruhe ſonderbar mit dem heiſern, leidenſchaftlichen Ton der Stimme des Andern contraſtirte. „Ich ſage Dir noch einmal, Barnewitz, entweder Du ſagſt mir, was meine Ausſage in dieſer Sache für eine Bedeutung hat, oder ich ver⸗ weigere, Dir Rede zu ſtehen.“


