Druckschrift 
Das Skelet im Hause : Novelle / von Friedrich Spielhagen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29

wort. Frau Uelzen ſchlug in ernſtlichem Erſtaunen die Hände zuſammen und rief:

Ja, lieber Gott, gnädige Frau, nun weiß ich aber wirklich nicht, ob ich weiter reden darf. Denn wenn Ihnen der Herr davon nichts geſagt hat— na, der Herr hat ja ein gutes Ge⸗ wiſſen und kann es darauf ankommen laſſen und ahnt auch ge⸗ wiß nicht, was die Leute hier Alles darüber reden; denn ſonſt hätte er ſicher der gnädigen Frau erzählt, wie es gekommen iſt, weil es die gnädige Frau ja doch erfahren muß, bevor ſie vier⸗ undzwanzig Stunden in Woldom älter geworden iſt; und da iſt es am Ende eben ſo gut, wenn die gnädige Frau es von mir hört, weil ich es gut mit den Herrſchaften meine und doch wenigſtens weiß, was ich weiß, und wie es angefangen hat; und die Anderen wiſſen rein gar nichts; und wenn ſie jetzt ſagen, daß ich auf den Herrn Fliederbuſch eiferſüchtig geweſen bin— aber von Herrn Fliederbuſch wird doch wol der Herr zu der gnädigen Frau geſprochen haben?

Ich erinnere mich nicht, ſagte Aennchen mit tonloſer Stimme.

Iſt die Möglichkeit! rief Frau Uelzen.

Aennchen hatte ſich wieder in den Stuhl geſetzt, eine Ruhe zur Schau tragend, welche die zitternden Kniee und das po⸗ chende Herz Lügen ſtraften. Sie fühlte, trotz ihrer Verwirrung, lebhaft die Unſchicklichkeit, ſich von der alten ſchwatzhaften Per⸗ ſon über Dinge und Perſonen unterrichten zu laſſen, über die Lebrecht bisher geſchwiegen. Aber wenn nun dieſes Schweigen kein zufälliges geweſen? wenn er nur geſchwiegen, um ſie nicht zu beunruhigen? wenn ſeine eigene Unruhe, ſeine Verſtimmung, ſein düſteres Weſen, die ihr bereits ſo viel Sorge, ſo viel Angſt verurſacht, jetzt eine unerwartete Erklärung finden ſollten? wenn ſie heute Abend zu ihm ſagen durfte: ich weiß es jetzt, Lebrecht!