Druckschrift 
Das Skelet im Hause : Novelle / von Friedrich Spielhagen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

Station, von der die Zweigbahn nach Woldom abgeht. Wir müſſen dort eine Stunde auf den Zug von S ndin warten. Es iſt ein entſetzlicher Aufenthalt, und ich bin dem gräßlichen Schwätzer rettungslos ausgeliefert. Ich will Dir einen Vor⸗ ſchlag machen. Von der nächſten Station führt die alte Poſt⸗ ſtraße nach Woldom. Es ſind noch vier bis fünf Meilen; wir haben jetzt zwei Uhr; wenn wir dort einen Wagen nehmen, können wir beinahe eben ſo früh, wie dieſer grauenhafte Zug, in Woldom ſein. Wir laſſen unſer Gepäck zurück und ſind dann unſere eigenen Herren. Ich bin die Straße als Junge und junger Menſch, da es hier noch keine Eiſenbahn gab, hun⸗ dertmal gegangen, geritten, gefahren. Sie iſt nicht gerade ſchön, wie nichts hier zu Lande; aber für mich repräſentirt jede Pappel, mit der ſie bepflanzt iſt, eine liebe Erinnerung. Und Du kannſt die Fahrt ja gleich als eine Probe nehmen, ob meine Schilderungen von Land und Leuten mit der Wahrheit über⸗ einſtimmen oder nicht. Willſt Du?

Natürlich hatte ſie gewollt.

Es war eine harte Probe; und ſie hatte ſich mehr als ein⸗ mal eingeſtehen müſſen, daß Lebrecht nichts übertrieben. Zwar von den Leuten hatte ſie nicht viel zu ſehen bekommen; deſto mehr aber vom Lande: unendliche braune Haide oder graue Felder, über die ein naßkalter Wind ſtrich naß und kalt und rauh, wie bei ihr, in ihrer ſchönen rheiniſchen Heimat, kaum je ein Dezemberwind; und ſie waren in der zweiten Hälfte des Oktober! Von Zeit zu Zeit auf dieſen öden Ebenen ein einſames, von Baum und Buſch umgebenes Gehöft; eine ein⸗ zelne Mühle auf der Spitze eines der ſeltenen kleinen Hügel; in größerer oder geringerer Ferne dunkle Streifen Waldes. Sie ſuchte ſich einzureden: das Alles müſſe ja im Sommer

ganz hübſch ausſehen, wenn die Wieſen grünten, die Haide

c