330 zum Auftragen zu geben, und der Doktor näherte ſich ſeiner ſchönen Kranken. Sabine fragte ihn nicht mit der Stimme, was zwiſchen ihm, ihrem Vormund und ihrer Vormünderin ſich zugetragen habe, aber er beeilte ſich die Frage zu beantworten, die in den unruhigen Augen des armen Kindes zu leſen war. Mehr als einmal lä⸗ chelte Sabine bei des Doktors heiterer Erzählung von dem Streite zwiſchen dem Sachwalter und ſeiner Gattin, und als er geendigt hatte, erwiederte ſie ſanft:
„Sie ſind ſo gut, und Sie auch, Doktor, und alle Menſchen.
Oh! wie iſt man ſo glücklich, glücklich zu ſeyn. Ihr ſeht es, wie Alles ſchön iſt, wie Alles entzückt und gefällt.
Man kündigte an, das Mittagsbrod ſey aufgetragen. Der Doktor bot Sabine den Arm und ſetzte ſich neben ſie; dieſer Platz war nicht für ihn beſtimmt, und da ihm Madame Simon den auf ihrer rechten andeutete, ſo erwiederte ihr der Arzt mit einem unmerklichen Zei⸗ chen, daß er neben dem Fräulein bleiben wolle. Damit wollte er Madame Simon ſagen, daß er ſeine Gegen⸗ wart und ſeine Unterhaltung für die Kranke nothwendig erachte, und dieſe Vorſicht beunruhigte die gute Frau.
Der Doktor fing an, mit Sabine zu plaudern, ver⸗ ordnete ihr die eine Speiſe, verbot die andere, und be⸗ rührte tauſenderlei Dinge, um die Unruhe zu zerſtreuen, die ſich ihrer zu bemächtigen ſchien. Er ſprach unabläſſig zu ihr, er lenkte ihre Blicke auf alle Gegenſtände, die ſich auf der Tafel fanden, aber es gelang ihm nur mit der größten Mühe, ſie von der ihr gegenüberſtehenden Uhr zu trennen, worauf ſie den Stundenlauf mit gieri⸗ ger Beharrlichkeit verfolgte. Schon hatten alle Gäſte die fruchtloſen Beſtrebungen Sabinens, auf des Doktors
gezwungene Fröhlichkeit zu antworten, bemerkt. Schon
hatte man ein leichtes Zittern, ein zuſammengezogenes Lächeln, einige halblaute Ausrufungen wahrgenommen.


