6 Arme ein Bracelet, das, auf 30,000 Franken geſchätzt, das Vermögen eines ehrlichen Bürgersmannes ausmachen würde. Von Anfang hätte man ſie für eine junge Frau im vollen Glanze jener erſten Toiletten halten können, die als der wahre Honigmonat Neuvermählter zu be⸗ trachten ſind; aber bei näherer Anſchauung mußte man, trotz dem erhabenen Ausſehen, das ſie ſich zu verleihen trachtete, ſogleich erkennen, daß hier weder die Liebe noch die Ehe eingezogen war. In der doppelten Jung⸗ fräulichkeit eines Mädchens liegt etwas Trockenes, Stei⸗ fes, was ſich nicht verkennen läßt. Ihr Blick iſt ge⸗ rade aus und ihre Geberde beſtimmt und abgeſchloſ⸗ ſen. Kommt, die Liebe, ſo löst ſie dieſen Blick gleich⸗ ſam auf, ſie macht ihn biegſam, ſie gibt ihm den Ausdruck ſanften Schmachtens, die raſchen Blitze, die von einem ſchlagenden Herzen zeugen; iſt die Heirath dazu getreten, ſo ſcheinen ſich Gang und Geberde eben⸗ falls zu löſen, und die Frau ſchreitet freier, geſchmei⸗ diger und zugleich ſtolzer einher.
Konnte man indeſſen die Kritik über ihre Toilette ergehen laſſen, ſo wäre es doch ſchwierig geweſen, eben ſo mit ihrer Perſon zu verfahren. Sie war wunderbar ſchön, denn ſie erfreute ſich zugleich jener Schönheit, die in der tadelloſen Reinheit der Züge liegt, und der Schönheit, deren Geheimniß man in dem Zauber der Phyſiognomie zu ſuchen hat. Beſonders in dem Ganzen ihrer Geſichtsbildung hatte ſie etwas Hohes, Entſchloſ⸗ ſenes, Geiſtiges, was ihr gewiß von denjenigen Män⸗ nern zum Vorwurf gemacht worden wäre, die ſich über die Freiheit der Ideen ängſtigen, worauf gewiſſe Frauen Anſpruch machen.
Des Fräuleins Ausrufungen, anfangs mit unter⸗ drückter Stimme ausgeſtoßen, waren allmälig ſo lant geworden, daß ſie zu den Ohren von Madame Simon drangen, welche plötzlich mitten im Salon ſtehen blieb.
„Du langweilſt Dich, Sabine?“ ſprach ſie mit ei⸗ nem ſanften, nachſichtigen Tone, in dem indeſſen nichts


