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das iſt ja ſonnenklar.“
Problematiſche Naturen.
Abend kennen lernen, und wer es ahnte, in ſeinem Verdacht beſtätigt
werden mußte.
„Ich werde ſogleich nach Tiſche fahren, Oswald,“ ſagte Melitta zu dieſem, der in der letzten Viertelſtunde ſich faſt nur mit Emilie von Breeſen, ſeiner Nachbarin auf der andern Seite, unterhalten hatte.
„Ich wollte, Du wärſt gar nicht gekommen, oder hätteſt mich zu Hauſe gelaſſen,“ ſagte der junge Mann bitter.
„Schilt mich nur noch,“ ſagte Melitta und ſchmerzlich zuckte es um den reizenden Mund.„Ach, ich wollte, ich könnte Dich mitnehmen— für jetzt und für immer.“
„Hoffentlich erlaubt es Baron Oldenburg,“ antwortete Oswald, der bemerkte, wie die grauen Augen des Barons, während er ſich lebhaft mit dem kleinen Fräulein Klauß unterhielt, unausgeſetzt Me⸗ litta und ihn ſelbſt beobachteten.
Melitta antwortete nicht, aber die Thräne, die plötzlich an ihren dunklen Wimpern erglänzte und die ſie mit einer ſchnellen Bewegung ihres feinen Taſchentuchs ſogleich trocknete, war Antwort genug.
„Verzeih' mir, Melitta,“ murmelte Oswald,„aber ich bin ſehr
unglücklich.“
„Ich bin es nicht minder, vielleicht noch mehr— und darum gerade möchte ich, daß Du ganz glücklich wäreſt, wünſchte ich, könnte Dich ganz glücklich machen.“
„Du kannſt es durch ein Wort!“
Was iſt es, Oswald?“
„Sage, daß Du mich liebſt.“
„Oswald; ſo fragt die Liebe nicht, ſo fragt die Eiferſucht.“ 4
„Giebt es eine Liebe ohne Eiferſucht?“
„Ja, die echte Liebe, die nichts fürchtet, und Alles glaubt.“
„So wäre meine Liebe nicht die echte? Freilich, wie können wir, die wir nicht von Adel ſind, auch Anſpruch auf irgend etwas Echtes machen! Unſere Mütter und Schweſtern tragen böhmiſches Glas ſtatt Diamanten, wir ſelbſt haben keine echte Ehre, keine echte Liebe—
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