Erſter Band.
. Wenn Oswald, indem er dieſe wahnſinnigen Worte ſprach, in
Melitta's Herz hätte ſehen können, ja, wenn er nur einen Blick in ihr
Geſicht geworfen hätte, er würde vor Scham haben vergehen müſſen. Melitta antwortete nicht; ſie weinte auch nicht, ſie blickte nur ſtarr
vor ſich hin, als könne ſie das Ungeheure nicht begreifen, daß die Hand, die zu küſſen ſie ſich niederbeugte, ſie in's Antlitz geſchlagen, . daß der Fuß, den mit Narden zu ſalben, ſie niedergekniet war, ſie grauſam zurückgeſtoßen habe... Wie hatte ſie ſich gefreut auf dieſen Abend, wie ſchön hatte ſie es ſich gedacht, mitten im Lärm der Ge⸗ ſellſchaft allein zu ſein mit dem Geliebten, ſeinen Worten zu lauſchen, ſeine Hand verſtohlen zu drücken, und während hübſche Frauen und reizende Mädchen mit ihm coquettirten, in ſeinen Angen zu leſen: Ich liebe doch nur Dich, Melitta! Und über dieſen Abend hinaus hatte eine roſige Zukunft ſich vor ihren Blicken aufgethan— ein Land der Hoffnung— nicht in deutlichen Umriſſen, aber voll Ruhe und Liebe und Sonnenſchein... Aber da hatte ſich ihre Vergangenheit herangewälzt, wie ein grauer giftiger Nebel, und hatte das ſonnige Land der Zukunft immer dichter und dichter verſchleiert... Und jetzt „ erſchien ihr durch den giftigen Nebel das Antlitz des Geliebten wie von Haß verzerrt, und ſeine Stimme drang ſeltſam fremd zu ihrem Ohr. War das ſein Antlitz? war das ſeine Stimme, die jetzt die Worte ſprach:„Gnädige Frau, man hebt die Tafel auf, darf ich um Ihren Arm bitten?“ Während ſie in den Reihen der Uebrigen die Treppe hinunter⸗ ſchritten, ſprach Melitta kein Wort; auch Oswald nicht. Als ſie unten im Saale angekommen waren, verbeugte er ſich tief vor ihr, und als er den Kopf hob, ſchaute er auf einen Augenblick in ihr Antlitz. Er ſah, wie ſchmerzlich es um ihre Lippen zuckte; er ſah, welch' rührende Klage aus ihren großen dunklen Augen ſprach— aber ſein Herz war verſchloſſen, und er wandte ſich zu einer Gruppe Mädchen und Herren, die das abgebrochene übermüthige Tiſchgeſtach noch eine Weile fortſetzen zu wollen ſchien. Melitta ſah ihm noch für einen Moment nach, ſah, wie die hübſche Emilie von Breeſen ſich lebhaft zu ihm wandte, wie er ihr mit einem Scherze entgegen⸗


