202 Prohlematiſche Naturen.
ganz verwandelt; er konnte ſich nicht üherreden, daß dies Melitta ſei, ſeine Melitta, ſie, die hier mit dem jungen Breeſen lachte und ſchwatzte, die dort die faden Complimente von Clotens mit ſo huldvoller Miene beantwortete— und dann wieder, wenn ihr leuchtendes Auge das ſeine traf, wenn ihre Hand bei den Touren des Contretanzes ſeine Hand ſo traulich drückte, wenn bei dieſer Gelegenheit ein: ſüßes Herz! Du Lieber!— ihm nur vernehmbar geflüſtert, ſein Ohr traf— ja, dann war es doch wieder Melitta, ſeine Melitta... Und immer wieder jagten ſich Zweifel, die ſich zu wahnſinniger Angſt ſteigerten, und Gewißheit, die ihn mit unſäglichem Entzücken erfüllte, durch ſeine Seele, wie tiefdunkle Schatten und heller Sonnenſchein über eine Sommerlandſchaft jagen, und um dieſer ſüßen Qual, dieſer bittern Wonne zu entgehen, ſchlürfte er mit haſtigen, gierigen Zügen den berauſchenden Trank, der, aus blendenden Lichtern, jubelnden Tönen und wollüſtigen Düften ſo ſeltſam gemiſcht, in einem Ballſaal die Sinne der Tanzenden bis zum bacchantiſchen Taumel aufregt und das Gehirn umnebelt.
Oswald lachte und ſcherzte wie von der tollſten Laune ergriffen: hier ein übermüthiges, keckes Wort, dort eine feine Schmeichelei; hier eine ſathriſche Bemerkung, dort eine Sentimentalität... Die Damen ſchienen vollkommen vergeſſen zu haben, daß ein ſo unermüdlicher und gewandter Tänzer, ein ſo hübſcher Mann, der ihnen ſo viele hübſche Sachen zu ſagen wußte, doch nur ein Bürgerlicher ſei, der auf alle dieſe Vorzüge eigentlich gar keinen Anſpruch machen durfte, und wenn ja eine der hochadligen Mütter dem Töchterchen ihr un⸗ paſſendes Benehmen mit dem jungen Menſchen, dem Doctor Stein, verwies, ſo fiel das goldene Wort diesmal auf ganz unfruchtbaren Boden und die hübſche Kleine beruhigte ihr aufgeſchrecktes adliges Gewiſſen mit dem tröſtlichen Gedanken: es iſt ja nur für heute Abend... Es ſteht ſehr zu vermuthen, daß das Glück, welches Oswald an dieſem Abend bei den Damen machte, mehr als ein junkerliches Gemüth auf das Tiefſte indign e; aber der Ausdruck dieſer feindſeligen Stimmung beſchränkte ſich auf einige höhniſche Worte, von denen aber keins bis zu Oswalde Dhr drang, und auf
einige ärgerliche Blicke, die, wenn er ſie bem e, nur zur Erhöhung


