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iſer vend. —„Sie zu Tiſch —— Heranügen haben,
Erſter Band. 201
wohl ein ſinnigeres Auge, als das des wüſten Edelmannes entzückt haben würde. Die lieblichſte und ſchönſte aber war nach dem ausge⸗ ſprochenen oder ſchweigenden Urtheil aller Herren wenigſtens— die Anſicht der Damen über dieſen Punkt war allerdings ſehr getheilt— Melitta. Die ſonſt etwas bleichen Wangen vom lebhaften Tanz ge⸗ röthet, die großen Augen ſtrahlend von Licht und Leben, die ſchlanken elaſtiſchen Glieder der herrlichen Geſtalt mit wunderbarer Anmuth in rhythmiſchem Schwunge bewegend— ſo ſchwebte ſie über den glatten Boden des Saals wie die Muſe des Tanzes ſelbſt. Neben dieſer blendenden Erſcheinung wurden die hübſchen Frauen ihres Alters zu 1t Wachsfiguren und die jüngeren Mädchen zu allerliebſten Marionetten. So dachte wenigſtens Oswald, wenn er ſie im Walzer an ſich vor⸗ beifliegen ſah oder ſie ihm im Contretanze entgegen ſchwebte. Ein wunderbares Gemiſch widerſprechender Empfindungen erfüllte ſeine ie Seele. Seit jenem Augenblick, wo er in Melitta's Album das Bild des Baron Oldenburg zum erſten Mal geſehen hatte, war er unab⸗ läſſig von dem Gedanken verfolgt worden: in welchem Verhältniß ſtand ſie zu dieſem Mann? Aber ſo oft auch ſchon die Frage auf jer ſeinen Lippen geſchwebt hatte, nie hatte er ſie auszuſprechen gewagt, und je höher die Sonne ſeiner Liebe ſtieg, deſto blaſſer war der drv⸗ pch hende Schatten geworden. Heute aber hatte Barnewitzens Erzählung, bei das Erſcheinen des Mannes ſelbſt, Melitta's Benehmen in der erſten Begegnung— die halb entſchlafenen Zweifel furchtbar geweckt. Wie⸗ ter der drängte ſich das Wort auf ſeine Lippen, und immer wieder kroch ha es ſcheu zum Herzen zurück. Er zürnte Melitta, daß ſie ihm dieſe ft. Qualen dulden ließ; er zürnte ſich ſelbſt, daß er ſich von der Geliebk⸗ d' ten hatte beſtimmen laſſen, ihr in dieſe Geſellſchaft zu folgen, dieſe ſtis Junkerwelt, in die er nicht gehörte, in welcher er ſich nur geduldet hirg wußte, in dieſe Welt frivolen Genuſſes und hochmüthigen Dünkels, den dieſe lärmende, blendende Welt, die ſo grauſam mit der Romantik 4 ſeiner Liebe contraſtirte, und der wonnigen, liebeverklärten Waldein⸗ ſamkeit von Melitta's Kapelle Hohn zu ſprechen ſchien. Es kam ihm wie ein halb verklungenes Märchen vor, daß dies wunderbare Weib in ſeinen Armen geruht, daß er— wie oft ſchon! ſeinen Mund auf dieſ⸗ voſigen Lippen gedrückt hatte. Sie erſchien ihm ſo fremd, ſo


