Problematiſche Naturen.
vierundzwanzigſtes Capitel.
Die Sommerſonne war bereits ſeit einer Stunde hinter den Bäumen des Parks untergegangen; dunkle Schatten lagerten ſich in den dichteren Boskets, hie und da zirpte noch ein Vogel, ehe er zur Ruhe das Köpfchen unter den Flügel ſteckte; ſonſt war es ſtill ge⸗ worden in dem vor kurzer Zeit noch ſo belebten Garten. Aber deſto lauter war es jetzt in dem Schloſſe. Das blendende Licht von hundert Wachskerzen auf Kronleuchtern und Girandolen ſtrahlte aus den Fenſtern auf den weiten Raſenplatz vor dem Gartenſaale. Muſik
erſchallte aus den geöffneten Flügelthüren, und an Thüren und Fen⸗
ſtern vorüber ſahen die Dorfleute, die ſich in ehrfurchtsvoller Ferne im Park hielten, die Paare der Tanzenden ſchweben. In den Zim⸗ mern, die an den Tanzſaal ſtießen, waren für die älteren Herrſchaften Spieltiſche arrangirt, und des Grafen von Grieben kreiſchende Stimme
wurde mehr als einmal vernommen, wenn der alte Baron Grenwitz,
der nur ein ſehr mittelmäßiger Boſtonſpieler war, auf drei Aſſe zum Mitgang gepaßt, oder ſonſt durch ſeine Zaghaftigkeit verleitet, einen jener horribeln Fehler begangen hatte, die das Gemüth eines metho⸗
diſchen Spielers ſo ſchmerzlich berühren. Herr von Barnewitz und
ſeine Gemahlin wechſelten im Spiele ab, damit ſtets eines von ihnen entweder bei den Tanzenden oder Spielenden war und ſich ſo jede Partei gleicher Gunſt erfreute. Hortenſe hatte urſprünglich den gan⸗ zen Ball mitmachen wollen; aber ſchon nach den beiden erſten Tän⸗ zen ärgerte ſie ſich ſo über die Huldigungen, die ihrer ſchönen Couſine von allen Seiten gezollt wurden, daß ſie ihrem Gemahl jenes Ar⸗ rangement vorſchlug, in welches er ſich um ſo williger ſchickte, als er trotz ſeiner Corpulenz gern und gut tanzte, und auf alle Fälle ein ſehr eifriger Bewunderer hübſcher Mädchen und Frauen in Balltoi⸗
lette war. Und an ſolchen fehlte es in dem Saale wahrlich nicht.
Es war ein Kranz von lieblichen und ſchönen Geſtalten, der auch
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