Erſter Bang
beſtimmen? Denn daß eine Mutter zu ſolch einer Verbindung, die ihre Tochter namenlos unglücklich machen müßte, Ja ſagen ſollte, kann ich mir nimmermehr denken.“
Melitta war aufgeſprungen, hatte ihre Reitpeitſche ergriffen und hieb damit ſauſend durch die Luft, als wollte ſie ſagen: das verdient der, welcher zu dieſem Bubenſtück die Hand bietet. In der ſchlanken, hoch aufgerichteten Frauengeſtalt hätte man kaum dieſelbe wieder er⸗ kannt, die ſich vorhin ſchüchtern über ihre Arbeit beugte, oder ſich läſſig in die Kiſſen des Stuhles ſchmiegte. Selbſt die Züge des Geſichtes ſchienen anders zu werden, ſchärfer, älter; das Feuer in den großen Augen loderte düſter auf. Offenbar hatte die Er⸗ wähnung dieſer Heirath eine Saite in ihr angeſchlagen, die häßlich durch ihre Seele ſchrillte. Sie fuhr in demſelben aufgeregten Tone fort:
„Felix iſt ein notoriſcher Wüſtling. Wie kann ein Wüſtling Liebe fühlen? Und geſetzt, Helenens Schönheit, Unſchuld und Jugend trügen für eine Zeit über ſeine Blaſirtheit den Sieg davon, ſo kann dies nicht von Dauer ſein. Ein gründlich Blaſirter wird niemals wieder ein ganzer Mann; und kann Helene einen ſolchen halben Mann lieben? und iſt das Leben ohne Liebe werth, daß man es lebt? und können Sie das Unheil verantworten, das aus ſo einer liebloſen Ehe wie Unkraut aufſchießt? Ich weiß—“
Die junge Frau ſchwieg plötzlich und ging mit ſchnellen Schrit⸗ ten in dem Gemache auf und ab. Dann nach einer kleinen Pauſe: „Und welch' äußere' Vortheile könnte dieſe Ehe gewähren? Felir
hat ſeiner ungemeſſenen Eitelkeit ſein Vermögen, wie ſeine Geſundheit zum Opfer gebracht. Seine Gäter ſind verſchuldet, über und über; und Ausſichten hat er, ſehviel ich weiß, auch nicht—“
„Nur daß er, wenn mein Malte ſtirbt, was Gott verhüten wolle, das Grenwitz'ſche Majbrat erbt,“ ſagte die Baronin.
„Ja ſo!“ ſagte Melitta gedehnt. Die letzte Beierkung der Baronin hatte der edelmüthigen jungen Frau die Angelegenheit in einem ganz neuen Lichte gezeigt; dem unheimlichen Lichte vergleichbar, das aus der Blendlaterne eines Diebes auf das Schatzkäſtlein fällt, das er ſtehlen will. Sie hütete ſich indeſſen wohl, die Baronin, was


