18 Problematiſche Naturen.
beantworten. Und da hatte er ihr auch dieſe Blume gebracht und die ſchöne Frau hatte geſagt: das iſt Ritterſporn. Und dann hatte
ſie die Blume lange ſinnend angeſehen, bis ihr von dem langen Hin⸗
ſtarren die Thränen in die Augen kamen und hatte ihn auf ihren Schooß genommen und ſein Haupt ſtürmiſch an ihre Bruſt gedrückt, und da mochte er denn wohl, von dem vielen Spielen müde, einge⸗ ſchlafen ſein, denn in dieſem Augenblicke zerflatterte das Bild.— Die junge, ſchöne Frau, das wußte er, war ſeine Mutter; ſie war geſtorben, als er noch nicht fünf Jahre alt war.— Wer hat nicht an ſich ſelbſt ſchon die traurige Erfahrung gemacht, daß wir in dem Gewirre des Lebens, wo eine Erſcheinung die andere verdrängt, und wir ſtets unter der thranniſ chen Gewalt des Augenblickes ſtehen, Alles, ſelbſt das Theuerſte, ſelbſt die Eltern, die uns das Leben gaben, ver⸗ geſſen lernen. So hatte auch Oswald faſt ſchon vergeſſen, daß er je eine liebe Mutter gehabt; jetzt rief eine einfache Blume die Erinne⸗ rung an die früh Verſtorbene mächtig in ihm wach. Die erſte Zeit, die er in der Einſamkeit des Landlebens verbrachte, verknüpfte ſich eng mit der erſten Zeit ſeines Lebens, denn er hatte ſeitdem nicht wieder der Natur ſo unbefangen und ſo tief in das holde, bezau⸗ bernde Antlitz geſchaut. Auch ſeines Vaters, der nun gerade vor zwei Jahren, einſam, wie er gelebt hatte, geſtorben war, gedachte er jetzt mit jener dankbaren Liebe, die leider immer erſt dann in voller Blüthe ſteht, wenn diejenigen, denen ſie gebührt, ſich nicht mehr an ihrem Dufte laben können; ſeines Vaters, der wunderlichen Pygmäengeſtalt, die der Sohn ſchon als achtzehnjähriger Jüngling um zwei Köpfe überragte; des menſchenſcheuen Sonderlings, der in der ganzen Stadt der„alte Candidat“ genannt wurde, und deſſen ſchwarzen abgeſchab⸗ ten Frack, in dem er Sommer und Winter einherging, jedes Kind auf der Straße kannte; des räthſelhaften Mannes, der den reichen Schatz ſeines Wiſſens und ſeiner Güte gegen alle Welt verſchloß, nur nicht gegen den Sohn, an dem er mit unſäglicher Liebe hin⸗ den er mit der rührenden Zärtlichkeit einer Mutter hegte und pflegte, und für den ihm, dem als Geizhals Verſchrieenen, nichts zu koſtbar geweſen war. F
Dieſe lieben und doch auch wieder ſo ſchmerzlichen Erinnerung.


