Erſter Band.
kam es denn, daß, als er ſich jetzt plötzlich wie mit einem Zauber⸗ ſchlage auf das Land verſetzt ſah, der unſägliche Reiz der erſten leuch⸗ tenden Sommertage in einem ſchönen ländlichen Aufenthalte für ihn mehr als für die meiſten Menſchen etwas unſäglich Anziehendes, ja Hinreißendes und Berauſchendes hatte. Es war ihm Alles ſo neu und doch wieder ſo ſeltſam bekannt, wie wenn Jemand in eine Gegend kommt, die er ſchon lange vorher in ſeinen Träumen geſehen. War dieſer blaue Dom, der ſich immer tiefer und tiefer wölbte, derſelbe Himmel, der ſich ſo troſtlos bleiern über dem Häuſermeer der Re⸗ ſidenzſtadt ſpannte? waren dieſe funkelnden Lichter dieſelben öden Sterne, zu denen er, aus dem Theater oder einer Geſellſchaft kom⸗ mend, kaum einmal flüchtig emporgeblickt hatte? Konnte ein Sommer⸗ morgen ſo reich an Glanz und Pracht, ein Sommerabend ſo weich und wollüſtig ſein? Hatte er denn den Geſang der Vögel nie ver⸗ nommen, daß er ſich jetzt an ihren einfachen Liedern nicht ſatt hören konnte? Hatte er denn nie Blumen geſehen, daß er jetzt nicht müde wurde, ihre ſchönen Farben und wunderſamen Geſtalten zu betrachten? Es war ihm zu Muthe, wie Einem, der aus ſchwerer Krankheit wieder zum Leben ewacht. Die jüngſte Vergangenheit lag wie hinter einem dichten Schleier, aber weit Entferntes, im Meer der Vergeſſenheit ſeit langen Jahren Verſunkenes tauchte wie eine glänzende, zauberiſche Spiegelung wieder über den Horizont der Erinnerung empor.„Ei, da iſt ja auch Ritterſporn,“ rief er einſt in dieſen erſten Tagen freudig überraſcht, als er, träumend im Garten auf und ab wandelnd, dieſe Blume häufig auf den Beeten blühen ſah.
„Nun freilich,“ ſagte Bruno, der bei ihm war,„haben Sie denn noch nie welchen geſehen?“
„Es iſt lange her,“ murmelte der junge Mann, ſich niederbeugend und die phantaſtiſche Blume mit Rührung betrachtend. In ſeines Geiſtes Aug' ſah er ſich wieder in einem kleinen lauſchigen Garten an der Stadtmauer herumſpielen und Steinchen, Blumen und andere Seltenheiten, die er auf ſeinen Entdeckungsreiſen fand, auf den Schooß einer ſchönen, jungen, blaſſen Frau ſammeln, die ihm jedes Mal, wenn
zu ihr kam, das lockige Haupt ſtreichelte und mit jener Geduld, die
c eine Mutter hat, nicht müde wurde, ſeine Fragen zu Spielhagen's Werke. I. 2


