75
————————
lich und eigenhandig gebt, ſoll Keiner von ihnen eine Stunde mehr leben, darauf verlaßt Euch!“
„Nein, nein,“ entgegnete dumpf der Greis mit grauſigem Lachen;„nein, nein, mein Gott, es giebt Stunden, wo ich ein Narr bin und nicht weiß, was ich will; nein, hole mir Michael, ſag' ihm, er ſoll hierher kommen, ich will ihm mein Teſtament dort einhaͤndigen, das macht ihn zu meinem Erben;— Du ver⸗ ſtehſt mich, Eredo,“ fuhr der Greis vor Wuth zitternd fort;„der Eine ſoll ſich mit den Waffen ſeines Rechtes, der Andere mit den Waffen meines Willens gürten; Du verſtehſt mich, alle Beide lieben Signis, alle Beide begehren ſie, alle Beide ſind eiferſuͤchtig, Einer wird den Anderen zerfleiſchen; ſie müſſen ſich morden, denn wenn Bruͤder ſich ſchlagen, wollen ſie ſich auch todtſchlagen; ſchaff' mir Michael!“
Bei dieſen Worten hatte ſich der Greis dem Schranke genaͤhert, wo ohne Zweifel das Teſtament lag. Otho folgte jeder Bewegung ſeines Vaters, denn, wenn in jenen Zeiten das beſte Recht in der Gewalt einen Schutz fand, ſo diente dieſe doch auch dem Unrecht als Stuͤtze, und ſo ſehr auch Otho fuͤr ſeine Zukunft bedacht ge⸗ weſen war, wollte er doch nicht noch einen neuen Gegner wider ſeine Anſpruche auftreten laſſen. Aber der Greis verſchloß ſchnell den Schrank, als Otho den Augenblick abwartete, wo er ſich des Teſtamentes bemaͤchtigen konnte, und ungeduldig ſich zu ihm wen⸗ dend, rief er:„Hole mir Michael, und Gerechtigkeit ſoll werden.“
Otho beſann ſich einen Augenblick, ging aber, als wenn er ſich die That, die ihm in den Sinn kam, nicht getraute, fort.— Er mußte wieder durch die Galerie, welche der Schauplatz der erſten Ereigniſſe dieſer Erzählung warz die Fackeln waren ſo weit herab⸗ gebrannt, daß faſt gänzliche Dunkelheit herrſchte.
Vermoͤge ſeiner genauen Ortskenntniß konnte er ſich jedoch leicht zurecht finden, und eben ſchritt er durch die Baluſtrade, als er einen tiefen Seufzer und ein leiſes Stöhnen neben ſich bemerkte.
Otho erſchrak, und der Schreck bei einem Manne, wie Otho, war ein Beweis, was fuͤr ein fürchterlicher Gedanke ihm durch die Seele fuhr; denn wenn der Menſch⸗ in Nacht und Schweigen


