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Die Eroberung von Toulouse : eine historische Novelle / von Frederic Soulié ; aus dem Französischen übertragen
Entstehung
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verſchwunden. Vor ihm ſtand ein ſtolzes, raſches, kuͤhnes Weib; in die⸗ ſem Herzen mußten die Leidenſchaften getobt, in dieſen Augen die Liebe geglüht, um dieſe Lippen der Zorn gezuckt haben. Otho trat zuruͤck und betrachtete ſie ſchweigend. Signis that desgleichen; aber Otho war nicht mehr der ſchoͤne, kecke und ſtuͤrmiſche junge Mann, der er geweſen, aus deſſen Blick Kühnheit und Unbedachtſamkeit ſprach, raſch und geſchmeidig genug, um uͤber eine Mauer zu klettern, uͤber einen Graben zu ſpringen oder im Schatten einen dunkeln Corridor entlang zu ſchleichen. Er war ſchon mehr als der voll⸗ endete Mann. Sein Haar wurde ſchon duͤnner um die von Nach⸗ denken oder Sorge gefurchte Stirn; und wenn er noch ein Krieger in ſeiner vollen Kraft daſtand, ſo hatte ihn doch ſeine Eleganz verlaſſen; das eiſerne Kleid, das ihn immer bedeckt, hatte auch ſeinen Zuͤgen den Ausdruck rauher Kalte aufgedrückt. Signis ertrug den Blick des Mannes, ohne das Auge niederzuſchlagen, ſie wußte wohl, welche Frage dieſer Blick an ſie richtete, und ſagte, den Kopf ein Wenig ſenkend:

„Mein Herr, furchten Sie nichts, die Liebe iſt in meinem Her⸗ zen erſtorben. Ich will keine Rechenſchaft über Ihre Eide von Ihnen, fragen auch Sie nicht, was ich mit meinen gemacht habe.“

„Wer hat es Ihnen geſagt, Signis?“ entgegnete Otho.

„Ihre Thaten, wie Ihre Worte; was Sie erzählt, was Sie verſchwiegen haben. Ihr Hetz fuͤhlt keine Liebe mehr, Otho, we⸗ der fuͤr mich noch für Andere; für Nichts in der Welt mehr, Sie ſind ehrgeizig.“

Otho antwortete mit einem bittern Lächeln:„Das Kind iſt her⸗ angewachſen, die Gazelle iſt zur Löwin geworden. Woher ver⸗ muthet Ihr, daß ich ehrgeizig bin?“

„Ich weiß, wie Ihr in dieſes Schloß gekommen ſeid, ich habe Euch in die Galerie treten, ich habe geſehen, wie Ihr Guy von Levis zuhörtet, dieſe Baluſtrade uͤberſprangt, dem entgegen tratet, der Euch Eure Erb⸗ ſchaft nehmen wollte, wie Ihr Euch aller Gefahr bewußt wart, ohne daß bei Eurem Eintritt in dieſes Schloß irgend ein Gefuhl in Euch rege geworden wäre, ohne daß eine Thraͤne Euer Auge netzte, ohne daß irgend ein Ereigniß während der ganzen Dauer der Verſammlung