VI.
Whren dieſe Scene zwiſchen Credo und ſeinem Herrn Statt fand, ging etwas ganz Anderes in der unteren Galerie vor. Wir erinnern uns noch des Momentes, wo Signis den ſehnlich erwar⸗ teten Augenblick benutzte, wo ſie allein mit Otho war, vor ihn trat und auf ſeinen ſchmerzlichen Ausruf antwortete. Otho hatte es vernommen, wie die Graͤfin das Andenken ihrer Liebe in ſein Herz zuruͤckrief; er konnte noch an die Dauer dieſer Liebe glauben, aber er hatte auch Gruͤnde dagegen⸗ Als ſie aber mit ſolchem Feuer ihm entgegentrat, durchzuckte der Gedanke daran ſeine Seele, und er betrachtete Signis mit durchbohrendem Blicke, als wollte er die Geheimniſſe ihres Hetzens leſen. Die Graͤfin war immer noch wunderſchon; noch umwallten ihre glänzend ſchwarzen Locken in reicher Fuͤlle ihr blaſſes Geſicht; ihr Auge hatte das ver⸗ führeriſche Feuer bewahrt, das ſie mit ſolcher Anmuth hinter den langen ſeidenen Wimpern zu verbergen wußtez ihre Brauen woͤlbten ſich wie früher auf der reinen weißen Stirn, noch war ihr Wuchs keck und ſchmaͤchtig wie früher; ihre Zahne glanzten weiß und makellos wie fruͤher; ſie war im ſechsunddreißigſten Jahre noch ſo ſchön wie im ſechszehnten, und doch war ihr Alter in Ge⸗ ſicht und Haltung zu leſen; die Zeit hatte ihr das unerklaͤrliche Siegel aufgedruͤckt, das aus Allem ſpricht und doch nirgends beſtimmt gefaßt werden kann. Die bezaubernde Anmuth der Jugend, die alle Züge einer zarten Blume in ſich vereint, mit dem Schleier der Beſcheidenheit ihren Ausdruck mildert, aus Gang und Beneh⸗ men die jungfräuliche Schuͤchternheit erkennen läßt; Alles das war


