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und waͤhrend des Winters und Fruͤhjahrs war dieſe das einzige Communicationsmittel zwiſchen Schloß und Dorfz oft ſchon hatten die Mönche von St. Maurice dieſe durch eine Bruͤcke erſetzen wol⸗ len, da ſie aber zugleich den Brückenzoll fuͤr ſich in Anſpruch nah⸗ men, und das Faͤhrgeld eine der eintraͤglichſten Revenüen der Burg⸗ herren bildete, hatten dieſe niemals darein gewilligt. Im Sommer lag der Fluß faſt immer trocken, und die Fahre kam nicht in Ge⸗ brauch; deſſenungeachtet aber wurde von allen Reiſenden, Kaufleuten das Faͤhrgeld erhoben, wenn auch die Fähre auf dem trocknen Sande lag. Dies machte wieder eine unausgeſetzte Wachſamkeit von Seiten der Burgherren nothwendig, und zu dieſem Behufe erbauten ſie am ufer einen kleinen Thurm, wo der Faͤhrmann mit den Seinigen wohnte, einer ſechzehnjaͤhrigen Tochter und zwei Soͤhnen, ein Paar kraͤftigen, gewandten Burſchen von zwanzig bis zwei und zwanzig Jahren, die Tag und Nacht denen, welche das Faͤhrgeld erſparen wollten, auf den Ferſen waren. Das Schloß ſelbſt gehörte einem Herrn von Terride, dem gefürchteteſten Vaſallen in Languedoc.
An einem Maiabend des Jahres 1217, wo der Llers von dem im Gebirge geſchmolzenen Schnee ziemlich angeſchwollen war, hatten die Bruͤder Robin und Gauthier die Faͤhre am Fuße des Thurmes feſtgemacht und gingen mit ihrem Vater zu einem ſchon des Morgens verabredeten Stelldichein, denn zu ſo ſpäter Stunde konnte Niemand mehr uͤber den Fluß wollen, und Guilellmeta ſollte den Thurm bewachen. Da tönt vom jenſeitigen Ufer ein Horn, das nach der Faͤhre ruft. Das Mädchen hoͤrt es, geht an eins der hoͤchſten Fenſter des Thurmes, erkannte den Mann, von dem das Zeichen kam, und rief:„Es iſt zu ſpaͤt, Herr Guy von Levis, Ihr koͤnnt heut Abend nicht über den Fluß, denn ich bin allein hier.“
„Ei, mein Schaͤtzſchen,“ erwiederte der in der Daͤmmerung
noch erkennbare Mann am anderen Ufer,„ ich habe Dich die Faͤhre ſchon bei höherem Waſſerſtande heruͤberbringen ſehen, und willſt Du mich nicht hinuͤberbringen, ſo thuſt Du mir es nur zum
Poſſen.“


